Mein Fuß heilt, mein Herz nicht. Behalt lieb

Deinen Erwin.


... Aus deinem Briefe bin ich nicht recht klug geworden, lieber Gustav. Krach gehabt mit einem Hauptmann? Was für ein Hauptmann? Einquartierung oder Etappe oder Garnison? Einerlei. Daß du dich deiner Haut gewehrt — wacker! Im übrigen, lieber Gustav, was für ein Schauspiel! Wir sind eingekeilt zwischen zwei Völkern. Von Frankreich vergewaltigt — von Deutschland angeschnauzt! Wohin soll man auswandern?

Ich will dir etwas Schönes erzählen. Dirks Schwester ist jetzt hier in der Stadt und besucht jeden Tag ihren Bruder. Wie soll ich sie schildern? Sie ist sein Ebenbild. So etwas Goldblondes hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. Das gibt's nur noch im Märchen. Hertha ist ein rechtes liebes deutsches Mädchen — das sagt alles. Sie ist jünger als Dirk, doch ebenso stiller Art wie er, und voll Mütterlichkeit. Wandervogel auch sie. Hat gestern ihre Laute mitgebracht und uns Lieder vorgesungen. Ach, diese alten deutschen Lieder im »Zupfgeigenhansl«, vom rosigsten Munde der Welt gesungen! Die »Königskinder« klingen in ihrer niederdeutschen Mundart ganz anders:

»Et wassen twe Künigeskinner,

De hedden enanner so lef« —

— so ungefähr. Und zum Anbeten schön ihre Marienlieder:

»Ufm Berge, da geht der Wind,

Da wiegt die Maria ihr Kind