Mit ihrer schlohengelweißen Hand,
Sie hat dazu kein Wiegenband.
Ach Joseph, lieber Joseph mein,
Ach hilf mir wiegen mein Kindelein« — —
Von Gott wurde mir diese Dirkschwester gesandt, Herzensfreund, denn ich wäre schwermütig geworden trotz Dirk. Herthas Augen sind ein deutscher Waldsee bei blauem Himmel; und ihre Stimme — du brauchst nur einen Buchstaben zu ändern: Waldfee. Nicht stark, gar keine besondere Stimme, sogar ziemlich leise, aber melodisch und seelenvoll und so jungfräulich rein. Alles Leid schwindet, man wird wunschlos, wenn diese Waldfee im blauen Gewand, goldne Zöpfe rund um den Kopf gebunden, auf Dirks Bettrand sitzt. Um den Hals hat sie ein Muschelkettchen, das ovale Gesichtchen ist von rosiger Farbe; sie ist ziemlich groß, doch von schmalem Brustbau, nicht so voll und fest wie unsre kleine Fanny und auch viel ruhiger und bedachtsamer in allen Bewegungen. Schweigend sitzen die beiden holden Geschwister manchmal da, Hand in Hand, und sehen sich nur innig an; oder sie erzählen halblaut von zu Hause, von der Mutter. Wie haben sie ihre Mutter lieb! Gustav, daß du und ich ohne Mutter aufgewachsen sind! Dirks Mutter hat eine grippenkranke junge Schwester zu pflegen, sonst wäre die Witwe selber aus ihrer westfälischen Heide hergereist.
Mir wird jetzt erst bewußt, wenn ich in dieses Mädchens Augen schaue, was für Tiefe in dem einen Worte steckt: deutsches Gemüt. Laß dir von einem solchen lieblichen Wesen nach all den Kriegsscheußlichkeiten unsre alten deutschen Lieder halblaut singen, schwermütiger Herzensfreund, und du weißt, was ich meine.
Mit diesen Menschen möcht' ich wohl gern Weihnachten feiern — ich würde weinen vor Glück!
Gustav, wir Heimatlosen grüßen einander. In inniger Freundschaft
Dein Erwin.