Mein lieber, verehrter Onkel Arnold!

Hier hab' ich zwei Adelsmenschen kennen gelernt, einen Kriegskameraden und seine Schwester. Wollt' ich nicht einen Bund der Edelsassen gründen? Hier hab' ich zwei Edelinge gefunden. Gustav wird dir davon erzählt haben. Die Spiegel dieser Blauaugen sind für mich Mimirs Quell geworden: ich habe Weisheit getrunken. Und noch viel mehr. Das sind Herzen, aus denen Licht und Wärme der Ewigkeit quillt!

Onkel Arnold, ich habe leider sehr viel Christen gesehen, die keine Christen sind. Ich wäre irre geworden an der christlichen Religion, ja, ich wäre wohl aus der Kirche ausgetreten; denn lieblose Gesichter im Bunde mit biblischen Redensarten sind mir das Widerwärtigste auf Gottes Erdboden. Da kamen Dirk und seine Schwester. Die haben mir die christlichen Formen in unaufdringlicher Art wieder verklärt. Ihnen könnt' ich den Kopf wieder vertrauensvoll an die Schulter legen und in Glück und Dankbarkeit einschlafen wie das Kind an der Mutterbrust. Der Krieg hat mich arg mitgenommen. Ich brauche Liebe, keine Redensarten.

Sieh, Onkel Arnold, nicht nur daß man uns das Elsaß nehmen will, tut mir so weh; aber daß so viel gemeine Gehässigkeit mit diesem Raub verbunden ist. Was sind denn jener Kolmarer Priester und die andren alle schon vor dem Kriege anders gewesen als Diener des Hasses? Sie höhnten, schimpften und schürten gegen angebliche deutsche Unterdrückung — oh, laßt aber einmal sie und ihre Franzosen ins Land kommen! Da wird man Drangsalierung erleben!

Ich wäre irre geworden an der ganzen Menschheit, wenn ich nicht Dirk und Hertha gefunden hätte. Die aber hab' ich lieb. Ihr Dogma ist mir gleichgültig: ich hab' sie lieb, denn sie sind gut. Gutsein ist Christentum.

Nun weicht es wie Nebel von meinen Augen und zieht wie Sonne ein. Nicht das Hirn erlöst, nur das Herz. Hirn ohne Herz ist des Teufels. Gut sein, Onkel Arnold, lieb haben! Habt ihr mich nicht oft genug den immer verliebten Erwin genannt? Gott sei Dank, daß ich's war! Ich will's bleiben bis an mein seliges Ende — und will im Himmel erst recht lieben.

Daß ich hier im Lazarett, sitzend, den verbundenen Fuß auf einem Schemel, einen Vortrag über das Elsaß gehalten habe — mit Erstaunen merk' ich, daß es mir jetzt erst einfällt. Und ich spüre auf einmal, daß mir etwas anderes anfängt, wichtiger zu werden: eben die Herzensgüte, die wahre Liebe. Ich war noch bis gestern entschlossen, im Elsaß den Kampf aufzunehmen. Ob ich aber in ein gehässiges Elsaß zurückkehre und ob mir ein Land der Verhetzung noch Heimat sein und Sauerstoff für die Seele liefern kann — wahrhaftig, ich weiß es nicht. Ich will wohnen, wo Dirk und Hertha leben und lieben — —

Und sieh, Onkel Arnold, in diesem Zusammenhange hab' ich mir auch über dich, Gustav und Fanny Gedanken gemacht. Es liegt ein Bann über euch, verzeih, wenn ich das ausspreche! Ich seh' euch aus der Ferne mit neuen Augen an. Nicht daß ich euch etwa weniger liebte, o nein! Nur mein' ich oft, das Beste in dir hätte sich in andrer als der elsässischen Luft viel mehr entfalten können. Und Gustav weint ja erst recht nach innen. Da versteh' ich nun plötzlich eure geplante Auswanderung. Es ist nicht die örtliche Veränderung an sich, es ist das Aufsuchen einer reineren Luft. Ja, jetzt versteh' ich das. Und ich spreche die Bitte aus: nehmt mich mit — und nehmt auch Dirk und Hertha in euren Bund auf!

Und noch eins! Da schoß es mir heut' in den Kopf: soll das Elsaß vielleicht Opfer für uns sein? Sollen wir äußerlich heimatlos werden, um dafür von dem gerechten Weltenlenker eine seelische Heimat der Liebe einzutauschen? Mein väterlicher Freund, dann will ich das Opfer mit Dank und Wehmut bringen, will meine elsässische Heimat, an der meine ganze Seele hängt, nie mehr schauen — dafür aber eintreten in das Land der Liebe.

Sei in herzlicher Verehrung gegrüßt!