Dein Erwin.


Arnolds Antwort

Mit herzlichem Dank, mein guter Erwin, bestätige ich den Empfang deines Briefes. Du bist auf rechtem Wege, den bevorstehenden Verlust unserer engeren Heimat — denn wir werden Elsaß-Lothringen verlieren — durch Vergeistigung zu überwinden. Bring' das Opfer, lieber junger Freund, bring' es freudig! Gott hat dir dafür dort zwei wertvolle Menschen geschenkt. Du siehst, daß du aus der unsichtbaren Welt geschützt und geleitet bist. Vertraue dieser Leitung!

Der peinliche, ja angesichts der großen und schweren Zeit doppelt widerliche Vorfall mit dem Hauptmann, wovon dir Gustav geschrieben hat, wird sich hoffentlich schadlos beilegen lassen. Morgen erwartet uns in Straßburg zu einer persönlichen Aussprache der hierin bestimmende Oberstleutnant; er ist mit dem thüringischen Baron befreundet, der uns neulich hier besucht hat. In seinem Schreiben nimmt er in liebenswürdiger Weise auf Gustavs Zustand Rücksicht und bittet nur Bieler und mich nach Straßburg. Fanny soll mitkommen und sich zur Verfügung halten, falls die Sache sich verwickelt; doch hofft er, alles in der Stille abzumachen. Daß man sich überhaupt in solcher Zeit mit solchen niedrigen Dingen auch nur einen Augenblick befassen muß, nicht wahr, lieber Erwin! Siehst du, das ist unser Elsaß.

Doch noch etwas Gutschönes, etwas Schlichtmenschliches muß ich dir erzählen, mein Lieber. Im Gespräch mit jenem Baron von Stein wies ich neulich auf meine mannigfachen Arbeiten und Aufsätze hin, die ich seit meinen Heidelberger Jahren in meinem Schreibtisch verschließe. Gesprächsweise hatte ich wohl einmal Lisy oder Fanny davon Erwähnung getan. Kurz, nach einer schweren Nacht suchte ich danach, aus einem Grunde, der weiter nicht hieher gehört. Ich suche — und finde nicht. Zunächst geh' ich an meine Tagesarbeit, suche dann aber wieder und ziehe endlich Lisy zu Rate. Diese wird rot, verlegen, weicht aus. Tags darauf, mit dem lang erwarteten Brief des Oberstleutnants Trotzendorff, der uns nach Straßburg bestellt, zu Fanny eilend — was entdecke ich? Das liebe Kind sitzt an der Schreibmaschine und schreibt mir schon seit Tagen heimlich meine Handschriften ab, oft halbe Nächte über der Arbeit verwachend! Du kennst ihre holdselige, kindliche Art, wenn sie bei solchen anmutigen Streichen ertappt wird. Ich habe nach einer Gewohnheit aus älteren übermütigen Zeiten sie wieder einmal wie ein Kind auf die Arme genommen und ihr von Herzen gedankt.

Gott nimmt uns die Heimat, lieber Erwin, aber er schenkt uns Menschen.

Behalt lieb deinen väterlichen Freund

J. F. Arnold.

Achtes Kapitel
Ein Tag in Straßburg