Sonst klingen um diese Herbstzeit Straßburger Glocken wehmutschön durch die alte Nebelstadt. Besonders die metallenen Stimmen des hohen Münsters haben ihren eigenen Klangzauber. Doch die Töne des Himmels waren im Laufe des Weltkriegs gleichsam eingefroren; aus Besorgnis vor Fliegergefahr hatte man das Geläute eingeschränkt; und viele Glocken waren in Kanonen umgegossen. Nun herrschten nur die nüchternen Geräusche der Straße, gelegentlich scharf unterbrochen vom grellen Geklingel einer elektrischen Bahn.
»Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, daß sich unsre Zusammenkunft um einige Tage verzögert hat«, sprach Trotzendorff. »Die Gegenseite hat den Vorfall aufgebauscht. Aber ich hoffe die Sache möglichst geräuschlos niederzuschlagen. Den Herrn — wie heißt er doch gleich? — Ihren Nachbarn Huber oder Bieler und ebenso den Hauptmann habe ich auf eine halbe Stunde später bestellt. Es lag mir daran, zuvor mit Ihnen allein zu sprechen, Herr Pfarrer. Wir haben übrigens zwei gemeinsame Bekannte.«
»Zwei?« erwiderte der Pfarrer. »Das sollte mich zwar freuen, aber — ich weiß nicht —«
»Da ist zunächst Baron von Stein, der Sie neulich besucht hat. Sie haben sich ja angefreundet, wie ich höre. Sechs Jahre sind es wohl her, da haben meine Frau und ich mit diesem Freunde Frankreich bereist, die Provence, bis hinaus nach Lourdes, wo es mir freilich zu mittelalterlich geworden ist. Ingo war damals ein wenig Schwärmer, wir nannten ihn Spielmann. Hört er gute Musik, so ist er auch heute noch derselbe und nicht mehr zu halten. Diesem Zuge seines Wesens verdankt er Ihre Bekanntschaft — und verdank' ich Ihren Brief und Besuch. Sie sehen, wie wunderlich unser himmlischer Generalstab seine Menschen lenkt.«
»Ich habe meinerseits«, schob hier Arnold höflich ein, »zu danken, daß ich bei Ihrer übermäßigen Arbeit — —«
»Freilich übermäßige und nicht erfreuliche Arbeit,« warf der Offizier ein, fuhr aber nach einem Blick über den Tisch sogleich fort: »Dann haben wir aber noch einen zweiten gemeinsamen Freund. Dort habe ich zuerst von Ihnen gehört. Entsinnen Sie sich des Professors Lobsann in Heidelberg und seiner prächtigen Frau Cäcilie?«
»Ach, was Sie sagen!« Der Pfarrer blitzte ordentlich empor. Die Amtsstube verklärte sich. Er schaute Goethes Lieblingsplatz am Heidelberger Schloß; er schaute den schön geschwungenen Neckar; er betrat eine nahe Villa und lauschte dem Gesang der damals blutjungen, eben aus der Schweiz nach Heidelberg vermählten Gattin eines seiner Universitätsfreunde. »Mein lieber alter Freund Lobsann! Einer der wenigen, der sehr wenigen, die mich mit Tränen in den Augen scheiden sahen — damals!«
»Ich weiß«, nickte Trotzendorff. »Lobsann hat mir's erzählt. Meine Frau ist mit Frau Cäcilie befreundet.«
Im Nu waren die beiden Männer in Erinnerungen an Heidelberg ausgeflogen und lustwandelten ein Weilchen in studentischen Fernen. Sie hatten im Jahre 1886 die großzügige Festfeier der Hochschule miterlebt.
»Ein unvergeßliches Fest!« rief der Pfarrer. »Nicht nur das Schloß in seiner bengalischen Beleuchtung, nicht nur der glühende Neckar — mehr noch der Geist des Ganzen, die überschäumende Festfreude in jenen vier, fünf Tagen. Es ist dabei merkwürdig, wie man auf solchen Hintergründen Einzelheiten behält. So kann ich z. B. nie vergessen, wie ein Kind, ein kleiner blonder Lockenkopf, in der festlichen Menschenmasse unter die Pferde einer vorüberfahrenden Kutsche geriet —«