»Sahen Sie das auch?« Trotzendorff ward lebhaft. »Und haben Sie gesehen, daß einige Studenten und Offiziere den Pferden in die Zügel sprangen? Nun, darunter war auch ich. Da haben wir also damals in derselben Straße Schulter an Schulter gestanden, Herr Pfarrer, und vielleicht gar miteinander gesprochen! Vorzüglich!«

»Lieber Gott, und in wie andrer Stimmung!«

Der Pfarrer seufzte. Man war wieder in der Gegenwart.

»Sie haben wohl inzwischen meinen ausführlichen Bericht gelesen, Herr Oberstleutnant?«

Trotzendorff nickte.

»Genau gelesen. Mit Wehmut gelesen. Ja, ich kann wohl sagen: mit Ergriffenheit. Ich bin schon einige Zeit hier in der Verwaltung und arbeite täglich bis zum Umfallen. Aber Sie haben in diesem Bericht aus dem besonderen Fall soviel Allgemeingültiges herausgeschlagen, daß ich Ihnen dankbar bin. Ich habe die Elsässer dadurch besser verstehen gelernt. Manches, was für unsern preußischen Ordnungssinn sachliche Verfügung ist, wirkt auf diese Leute wie bösartige Absicht. Und sie pflegen das dann unter dem Fremdwort ›Schikane‹ anzufeinden. Das tut mir recht leid.«

»Diese Bemerkung in Ihrem Munde freut mich«, versetzte der Pfarrer. »Unsereins kommt mit Volk wie mit Regierung gleicherweise in Fühlung. Wieviel Bitterkeit müssen wir da allerdings bekämpfen! Es steht leider nicht gut um die deutsche Sache im Elsaß, das muß ich offen sagen. Das Kriegsgebiet spürt den Krieg doppelt. Und da wird von der politisch unreifen Bevölkerung gewohnheitsmäßig sofort der deutschen Regierung in die Schuhe geschoben, was doch Gebot der Zeit überhaupt ist. So verwirrt und verdummt ist unsre Volksseele. An allem Übel in der Welt sind nun einmal die Deutschen schuld. Was soll man gegen diese Seuche anfangen?«

Der Pfarrer war erregt geworden. Er fuhr, da Trotzendorff nach seiner Art schweigend gradaus blickte, sogleich fort:

»Aus meiner Eingabe haben Sie ungefähr die Welt kennen gelernt, in der ich selber lebe. Nehmen Sie zur Musik und Orgelkunst, die mir teuer sind, noch etwa Plato und das Neue Testament, Kant und Schleiermacher hinzu, so haben Sie meinen geistigen Bezirk. Und in dieser Luft habe ich auch meinen einzigen Sohn erzogen, also in gut deutscher Geisteskultur. Sie können daraus ermessen, wie mich der neuliche Fall verletzen mußte, mich, den deutschgesinnten Elsässer. Und so erzog ich zum Teil auch seine Braut, die Tochter dieses unglückseligen Bieler, der dort in Lützelbronn ein großes Weingut trotz aller Kränklichkeit recht schön imstande hält. Das Mädchen ist ganz herrlich veranlagt. Aber die Politik, natürlich, hat unser harmonisches Bildungsideal beträchtlich gestört. Und mein Junge hat leider von seiner Mutter her ein zartes Nervengeflecht, von mir selbst aber ein nicht allzu starkes Herz. Lassen Sie nun diese Menschen unter den so schwierigen Verhältnissen mit einer derben Natur zusammenstoßen — — nun, und es läßt sich denken, daß es Scherben gibt.«

Trotzendorff schaute vor sich hin und nickte nachdenklich: