»Ja, ja, ich bin vollkommen im Bilde.«

Und der Pfarrer, der im Zuge war, setzte seine Herzensentlastung fort:

»Schauen Sie nur hinaus: was ist das für ein drückender Nebeltag! Ist es nicht, als ob alle Menschen dieses Landes wie Schatten und Gespenster ihrer Vergangenheit umherschlichen? Das Elsaß hat heimliche Melodien, hat wundervolle Herzen — aber sie können nicht los, nicht heraus und haben alle Freudigkeit verloren. Denn es gibt doch schließlich auch einen freudigen Trotz, wenn er einer guten Sache dient. Aber die elsässische Sache ist nicht gut, sie macht ihre französelnden Vertreter tückisch oder zum mindesten zweideutig. Das ist unsre Lage. Die ersten Kriegswochen — ein hinreißendes deutsches Aufjauchzen bis zum letzten Eckensteher! Nach und nach freilich kam wieder der Nebel. Doch im Herzensgrunde haben unsre edelsten Elsässer eine ganz besonders tiefe Sehnsucht nach schön gestimmtem Leben voll Gastlichkeit und Brüderlichkeit. Pöbel gibt's natürlich überall. Ich spreche von der Minderheit der edlen Seelen. Und zu den Edlen rechne ich, das darf ich mit Vaterstolz aussprechen, auch meinen Sohn. Er ist weich, und jetzt nervenleidend, aber nicht weichlich. Eine gewisse Gedämpftheit paßt übrigens in unsre elsässische Wesensart.«

Hier konnte sich Trotzendorff die Bemerkung nicht versagen: »Na, wir Norddeutschen möchten denn doch dem Elsässer manchmal mehr Härte wünschen. Der Vogesensandstein ist zu weich; er verwittert leicht, wie Ihr Münster beweist, das man ja kaum ohne Baugerüst sieht.«

»Bitte: wir haben auch Granit«, erwiderte der Pfarrer lächelnd.

»Wie dem auch sei,« lenkte der Oberstleutnant ab, »ich war in jungen Jahren hier, bin aber erschrocken, wie sich später die geistige Luft verändert hat. Sagen Sie mir, wie ist denn das gekommen? Hat das mit der Einkreisungspolitik eingesetzt?«

»Planmäßig von Frankreich aus geschürt«, bestätigte der Pfarrer. »Und von der Regierung nicht mit Geschick bekämpft. Sehen Sie, da ist mein Sohn in bitterste Tragik geraten. Der Bruder seiner Braut war einst sein Schulfreund. Dann, als Student, geriet jener junge Bieler in den sogenannten Cercle des étudiants —«

»Aha! Eine höchst gehässige Sippschaft. Wir haben hier die Liste seiner sämtlichen Mitglieder. Das war ja ein ganz gefährlicher Geheimbund! Unbegreiflich, daß die Regierung diese Französelei geduldet hat! Ich habe die Akten durchgesehen: das war schon im Frieden längst kein Frieden mehr. Das war ja wie der Mord in Serajewo, der den Krieg eingeleitet hat: das war ein planmäßiges Töten des deutschvölkischen Empfindens.«

»Weshalb man das geduldet hat? Weil Freisinn und Zentrum sofort der Regierung in den Rücken fielen, sobald sie im Interesse nationaler Würde Ordnung schaffen wollte. So wurde die Regierung unsicher. Aber die Unterminierung ging weiter. Jedenfalls haben wir das Elsaß innerlich nicht erobert, wir Deutschen, leider, leider! Mein Sohn holte sich das Eiserne Kreuz, aber der junge Bieler — und manch andrer noch — brannte nach Frankreich durch. Elsässer beide! Und nun bringen Sie das unter einen Hut!«

»Und der alte Bieler?« fragte Trotzendorff.