Fanny Bieler hatte lange Stunden in ihrem Stübchen auf dem Fußboden gesessen und in alten Briefen gekramt. Schubladen standen offen, Papiere, Bänder, gepreßte Blumen lagen umher. Und mitten darin saß die blonde kleine Gestalt, derart vertieft, daß sie die ganze Außenwelt vergaß.

Da waren die Briefe ihres Bräutigams Gustav, sehr zahlreich, sehr sauber geschrieben und gehaltvoll; dann waren da in großer, kräftiger Schrift die meist kurzen, hingeschleuderten, sprühenden Briefe ihres entfernten Verwandten Erwin ... Waren es nicht Liebesbriefe, glühender als Gustavs gehaltene Schreibart?

... »Da sitz' ich auf dem Petersberg zu Erfurt, genialste aller Basen, hab' einen ausgezeichneten Feldwebel und einen widerwärtigen Hauptmann, werde mir aber meine Begeisterung nicht zerrupfen lassen durch einen Überpreußen, dessen schnarrende Stimme sämtliche neun Musen in die Luft sprengt. Was tut also der findige Rekrut? Er versetzt seiner Cousine Liebeserklärungen. Weib, Weib, glückselig der Mann, der dich in die Arme schließt! Ich könnte Freund Gustav, den grundguten Kerl, prügeln, daß er Dich nicht jeden Tag jauchzend durch die Stube trägt, Du anmutigstes elsässisches Maidel, dessen einziger, erster und letzter Kuß von damals — weißt Du, beim Auszug, in unsrer Stube am Münster — o Straßburger Münster —, dessen einziger Kuß, sag' ich, mir heut' noch und für immer auf den Lippen brennt! Leb' wohl, Fanny, ich schwöre Dir, kein Mädchen zu berühren, und nichts zu tun, was Dich betrüben könnte! Und ich danke dem Himmel, daß im Elsaß Mädchen wachsen wie Du! Wenn Du ein Eckplätzchen in deinem Herzen neben Deinem Gustav übrig hast, so laß mich dort uffm Schemele sitzen und behalt e bißl lieb.

Deinen Freund und Vetter Erwin

Solche Briefe liest ein hübsches Mädchen nicht ohne Stolz und Ergriffenheit, selbst wenn sie noch so glücklich verlobt ist. Fanny kam in ein holdes Verträumtsein; dann prüfte sie sich selbst. »Kann ich denn treu sein?« dachte sie plötzlich. Und sie ertappte sich darauf, daß sie oft mit mehr Lust und Laune an Erwin schrieb als an ihren Bräutigam. Und doch: wie innig hatte sie Gustav lieb! Sie war so entsetzt über diese feine Untreue, über dieses leise, leise Liebesspiel mit dem lebhaften, langen, blonden Erwin, dessen Augen so lustig hinter dem Kneifer sprühten; sie war so bestürzt über die Möglichkeit, für einen andern noch Raum zu haben in ihrem bräutlichen Herzen — daß sie jäh aufsprang, alle Briefe in die Schublade warf, abschloß und mit zwei, drei Schritten die Treppe hinunterflog an das Klavier, wo sich ihre heiße Natur in Liszt und Chopin austobte.

Dann lief sie hinaus in den Garten.

Sie war im Städtchen gewesen und trug noch ihr hellgraues Kleid mit breitem rotem Gürtel. Den Lodenmantel hatte sie umgeworfen; die Wangen glühten; die feste, volle Brust atmete stark.

Alles in der feingebauten, spannkräftigen, nicht großen Gestalt war beherrschte Glut. Um ihr blondes, über den Schläfen geringeltes Haupthaar hatte sich das Netz einer Spinne gewickelt. Das junge Mädchen blieb mit zusammengepreßten Lippen stehen, blinzelte nach oben und suchte das Gespinst zu entfernen. Der rote Mund war erstaunlich schmal, aber voll, gleichsam gewölbt; die Adlernase zwischen den blauen Augen wirkte bedeutend und gab dem ovalen, rosigen Gesichtchen Charakter. So klein die Gestalt war, sie bekundete Festigkeit und Wärme zugleich.

»Allons donc!« rief sie jetzt und schleuderte das lästige Anhängsel mit kurzem, raschem Ruck an ein Birkenstämmchen, das erschrocken einige Blätter über das ungeduldige Persönchen fallen ließ.

Sie lief nun im höheren Teil des Gartens hin und her, wo das Wäldchen an den Pfarrgarten grenzt. Wie oft war der Jugendfreund und Geliebte über diese Mauer gesprungen! Sie lauschte insgeheim auch heute auf sein Kommen. Aber sie war zu stolz, um sich diese schmerzliche Ungeduld merken zu lassen. Scheinbar wohlgemut schritt sie flinken, federnden Schrittes hin und her, als ob sie zu lange gesessen hätte und sich etwas erwärmen wollte. Ja, sie summte leis-wehmütig ein Liedchen von der schönen armen Lilofee vor sich hin, das sie vom Wandervogel Erwin gelernt hatte, und blickte hartnäckig nach der Ebene hinaus oder nach dem Wald empor. Im Weinkeller klopfte der Vater mit dem lahmen Schauli an den Fässern herum — — und fernher von Süden setzte nun wieder die Kanonade ein.