Drüben aber, im Giebelstübchen des Pfarrhauses, freilich auf der abgelegenen Seite, saß der beurlaubte kränkelnde Gustav, keine hundert Schritte von der lebensprühenden Geliebten entfernt. Seine Ruhr und seine Wunde waren geheilt; aber Herz und Nerven gehorchten noch nicht. Vom stolz-einsamen Vater und von der menschenscheuen, aus dem Irrenhause in die Ewigkeit hinübergeschlichenen Mutter hatte der begabte Jüngling viel Einsamkeitsbedürfnis im Blute. Seine Dachkammer war sein Reich; die Tür an der Speichertreppe pflegte er von innen zu verriegeln. So war er unnahbar. Niemand konnte ihn aus der selbstgewählten Einsiedelei herunterlocken, wenn er nicht Lust hatte; auch nicht der verehrte Vater und noch weniger die Braut und Spielgenossin. Er hatte seine Trutzstunde; man mußte ihn allein lassen.

Manchmal freilich überwältigte den Jüngling der Drang, sich an Menschen anzuschmiegen. Dann herunter, ein Sprung über die Mauer — es lag dort ein altes Brett, das man schief anstellte, um der Fußspitze einen Halt zu geben — und er war in den Armen der küssedurstigen Geliebten der zärtlichste und bei aller Inbrunst ritterlichste Liebhaber.

Mit Tränen der Dankbarkeit und der Rührung dachte Fanny an all die liebenswerten Eigenschaften des Leidenden. Sie selber, sinnenstark und rein zugleich, verband ungewöhnliche Liebeskraft mit einem ungewöhnlichen jungfräulichen Stolz. So war es ihr denn nicht gegeben, den Geliebten zu umwerben oder gar an seiner Türe zu betteln. Eher die Lippen blutig beißen — —

Sie riß eine letzte Rose so hastig ab, daß sie sich in den Zeigefinger stach. Mit Ingrimm, einem schmollenden Kinde nicht unähnlich, stand sie nun und saugte am Finger. Der dunkelgrüne Lodenmantel war von der Schulter geglitten. Und wie sie nun in ihrem hellen Kleide dastand, den zierlichen Finger am Munde, dachte sie lebhaft an Onkel Arnold; so pflegte sie den Vater ihres Bräutigams zu nennen. Er war so oft mit seiner Weisheit und Ruhe ihr Zufluchtsort: wo blieb er denn heute?

Ein Vorgang drängte sich lebhaft und anschaulich vor ihr inneres Auge. Das war damals eine der schwersten Nächte ihres Lebens. Zittern überlief die kleine Gestalt, wenn sie daran dachte. Das war die Nacht im Herbst 1914, als ihr Bruder Georges, im Auto vorüberkommend, nach der Schweiz und nach Frankreich zu fliehen entschlossen war, mit falschem Paß — ein fahnenflüchtiger Stabsarzt! Furchtbare Nacht! Ihr Bruder und der herübergeeilte Pfarrer waren aneinandergeraten, deutschgesinnt der reife Onkel Arnold, verhetzt von Französlingen der junge Elsässer. Es ward ein Ringen auf Tod und Leben. Vater Bieler verkroch sich; das junge Mädchen saß mit zusammengebissenen Zähnen in der Sofaecke, grausam eingekeilt zwischen dem geliebten Pfarrer und nicht minder geliebtem Bruder. Und ihr Bräutigam, der kerndeutsch gesinnte Elsässer, stand derweil auf dem deutschen Schlachtfeld! Noch einmal hatte der Pfarrer den Flüchtling zur Pflicht zurückgeführt; aber tags darauf entwich dieser dann doch seinem deutschen Vaterlande. Und nun stand Georg Bieler längst auf der Liste der ausgebürgerten Elsässer — ein Landesverräter!

Sie war damals dem geliebten Onkel Arnold an den Hals geflogen, als er den Bruder noch einmal beredet hatte. Und — wann war's doch? Ein zweites Mal, schon früher, hatte der väterliche Freund sie an sein Herz gerissen, der hohe, nach außen so kühle Mann, und mit einem Jubelruf in die Lüfte gehoben. Das war — ja, das war in jener Philosophiestunde mit Gustav auf dem Gutshof Windbühl, als sie den Kant zornig an die Wand warf. Die Stelle wußte sie nicht mehr; aber sie erinnerte sich ihres Entsetzens nach der jähen Tat, sie erinnerte sich des verärgert scheltenden Gustav — und wie sie dastand, den Finger am Munde, von dem Gedanken gelähmt: »Um Gottes willen, was wird nun Onkel Arnold sagen, der Philosoph?!« Aber Onkel Arnold, der Mensch, lachte laut auf; er packte das temperamentvolle Mädchen unter den Armen, hob es wie ein Kind hoch und küßte es mitten auf den blühend warmen Mund. Es war wirklich so: sie wurde von ihm geküßt — und hatte doch Kants Kritik der reinen Vernunft an die Wand geworfen!

Immer war es Onkel Arnold, der sie verstand, der ihr zu Hilfe kam, der vor allem ein lebendiger Mensch war und dann erst ein Gelehrter.

Und während sie nun, den Finger noch am Munde, wie damals in der philosophischen Stunde, ihre Augen am Berghang schweifen ließ — siehe, da saß ja Onkel Arnold oben am Kastanienwäldchen unter dem Kirschbaum!

Sofort begann sie zu winken. Endlich ein Mensch!