Gustav stand in seinem Dachstübchen am offenen Fenster und beobachtete durch den Feldstecher den Vollmond.
»Ich bin geheimnisvoll mit dem Mond verbunden«, dachte er. »Der Tag ist mir zu grell und zu laut.«
Bleich wie das langsam über das Gebirge emporsteigende Nachtgestirn war auch sein Antlitz. Er trug neben dem kurzen dunklen Schnurrbart noch an den Backenknochen etlichen Haarwuchs, so daß er mit seinem etwas düstern Ausdruck einem Bildnis des Dichters Lenau nicht unähnlich sah. Schlank, von feinem Gliederbau, in Gebaren und Sprechweise gedämpft, gehörte der gewissenhafte junge Mann zu jenen Naturen, die sich weder aufdrängen noch durchsetzen, sondern am liebsten ihre Person auswischen möchten.
»Gäb's doch nur eine Tarnkappe!« seufzte er manchmal. »Ich möchte am liebsten unsichtbar durchs Leben gehen.«
Er hatte sich zur wohlgelungenen Abgangsprüfung vom Gymnasium ein wertvolles Zeißsches Fernglas erbeten. Sternkunde war eine seiner Leidenschaften. Da war es nicht verwunderlich, daß man ihm den Spitznamen »Sterngucker« anhängte.
Andrerseits war er ein Kleinkrämer, ein Sammler, der mit fast komischer Zärtlichkeit wunderlichste Dinge einheimste und aufbewahrte: Steine, Blumen, Briefmarken und eine Fülle von kleinen Erinnerungen, mit beschriebenen Bändern oder Aufschriften versehen, ebenso genau geordnet und durchgeführt wie sein Tagebuch. Philosophie und Literatur waren sein Studium; die Sternenliebhaberei zu vertiefen, war er zu wenig Mathematiker. Und seine Schwäche auch in seiner Wissenschaft bestand darin, daß er sich gar zu gern in Kleinkram verlor. Er verbrachte oft Stunden damit, eine nicht genau bezeichnete Stelle aus Goethe oder dergleichen selber aufzusuchen, auch wenn der Gewährsmann, dessen Buch er las, noch so zuverlässig scheinen mochte.
»Warum nur die Leute nicht genau die Seiten angeben,« knurrte er ärgerlich, »wenn sie einen Dichter anführen!«
Alsdann schrieb er sich Band und Seite seiner Quelle mit Bleistift an den Rand und war beruhigt. Dem Gehalt des angeführten Wortes nachzudenken, vergaß er darüber.
Er war der geborene Spezialist und Kleinforscher und gehörte in eine Bibliothek oder auf den Lehrstuhl einer modernen Hochschule.
Und diesen feingestimmten Nervenmenschen packte das Schicksal und stellte ihn mitten in das Grauen der Somme-Schlacht. Gewissenhaft und treu hielt er in den Gasgranaten aus bis zum Letzten. Er liebte sein deutsches Vaterland. Eine Glutwelle der Begeisterung hatte auch ihn hinausgerissen, wie seinen liebsten Freund, den anders gearteten Erwin.