Dadurch war es ihm auch möglich, für das Leben der christlichen Überlieferung zu kämpfen, und die größte Tat in diesem Kampf war eben die Bibelübersetzung. Mit ihr war der Weg frei für jeden, der eben mit seinem lebendigen Leserwillen an die Schrift heranging.

Mit diesem Vergleich der Stellung Augustins und Luthers zum Schrifttum ist nichts gesagt über den Wert der religiösen Persönlichkeiten. Die hier berührten Vergleichspunkte zeigen gerade, wie verschieden der Weg Augustins und der Luthers trotz aller Ähnlichkeiten sind. Im Zusammenhang dieser Betrachtungen aber sind sie zwei, wenn auch ganz verschiedene Zeugen für den Wert religiöser Überlieferung durch die Schrift, gleichzeitig aber auch zwei Zeugen, wenn auch ganz verschiedene, für die Notwendigkeit, daß der Leser das Wesentliche dazu geben muß, um dem Geschriebenen Leben zu verleihen; denn was bedeutet letztlich Luthers »allein durch den Glauben« anderes als die Aneignung der Heilsüberlieferung aus innerer Seelenkraft?

Wenn Sie die Galerien Europas durchwandern und die Darstellungen der »Verkündigung« betrachten, so werden Sie bei den alten Meistern fast immer die gleiche Darstellung der »Verkündigung« finden: Maria kniet am Betschemel, auf dem aufgeschlagen das Gebetbuch liegt. Sie liest aber nicht mehr darin, sondern sie hat den Blick weggewendet, dem Verkündigungsengel zu. Noch deutlicher aber zeigt ein alter rheinischer Meister der Münchner Pinakothek, wie der religiöse Mensch zum Buch steht: Vor dem noch aufgeschlagenen Buch kniet der heilige Franziskus, sein Blick aber richtet sich in die Höhe, wo in den Wolken der Gekreuzigte erscheint, von dem die Strahlen ausgehen, die dem Heiligen die Wundmale Christi aufdrücken. Im Hintergrund aber sitzt ein Genosse des Heiligen, tiefgebeugt über ein Buch. Er liest noch, während der Heilige das Gelesene erlebt. Deutlicher kann die Bedeutung des Buches für den »religiösen Akt« nicht veranschaulicht werden. Dieser aber gehorcht, wie Scheeler sagt, einer Eigengesetzlichkeit. Und Otto hat in seinem bekannten Buch über das Heilige deutlich gesagt, wie eben dieses Heilige jenseits aller geistiger Arbeit liegt: »Es ist nicht lehrbar, nur erweckbar aus dem Geiste. Man behauptet bisweilen dasselbe von der Religion überhaupt und im ganzen. Mit Unrecht. In ihr ist sehr vieles lehrbar, d. h. in Begriffen überlieferbar und auch in schulmäßigen Unterricht überführbar. Nur eben nicht dieser ihr Hinter- und Untergrund. Er kann nur angestoßen, angeregt, erweckt werden. Und dies am wenigsten durch bloße Worte.«

Luther sagt das gleiche nicht minder deutlich: »Wenn du es im Herzen wahrhaft fühlest, so wird dir's ein groß' Ding sein, daß du vielmehr stillschweigen wirst, denn etwas davon sagen.« Auch Augustins Größe soll hier nochmal sprechen: »Es spricht zu allen,« sagt er, »aber die verstehen's nur, die das Vernommene drinn in ihrer Seele mit der Wahrheit zu vergleichen wissen.«

Damit stehe ich am Ende meiner Betrachtungen. Deutlich heben sich zwei Dinge heraus: Einmal die Kraft der schriftlichen Überlieferung als »Reiz und Veranlassung« und damit ihr hoher Wert für den religiösen Menschen, zum andern aber ihre Belanglosigkeit für den eigentlichen Kern aller Religion. Die Persönlichkeit des Lesers wird darum zur entscheidenden Kraft.

Mancherlei Fragen tauchen nun auf, von denen nur zwei berührt seien: Ist mit solcher Erkenntnis nur für die Religion die Grenze der Wirksamkeit des Buches gegeben? Ich glaube: Nein; auch alle anderen Gebiete menschlicher Kultur stehen unter dem gleichen Gesetz, soweit die Wirksamkeit des Schrifttums in Frage kommt.

Weiter aber: Was ist die praktische Folgerung für uns? Doch wohl nichts anderes als die Prüfung unserer religiösen Literatur daraufhin, wieweit sie Versachlichung ist, Sprache, die nicht mehr tönt oder vielleicht nie getönt hat. Nur so werden wir die anregende Kraft der Überlieferung nutzbar machen, nur so entsteht religiöse Erkenntnis. Bescheiden aber sollen wir bekennen, daß über dieser Erkenntnis der Glaube steht. Dieser Glaube aber ist, wie ein junger Schweizer Theologe[10] schön sagt, »ein Innewerden, daß alle Erkenntnis etwas anderes meint, als sie selber gibt, etwas hinter ihr selbst, daß sie nur ein Hinweis ist auf etwas Urlebendiges, jenen Ursprung, der unser Freiseinkönnen und den Reichtum des Lebens erst möglich macht«. Dieser Glaube ist »ehrfürchtige Anschauung des göttlichen Wunders«. Darum läßt sich nicht leicht Tieferes über das Verhältnis des religiösen Menschen zum Buch sagen als die Schlußworte des Cherubinischen Wandersmanns:

»Freund, es ist immer genug. Im Fall du mehr wilt lesen,

So geh' und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«