den Menschen schuf aus zähem Blut
und unterwies mit dem Schreibrohr
den Menschen unterwies in dem, was er nicht wußte zuvor,«
da las er, die Erscheinung wich von ihm, er erwachte aus seinem Traum und es war ihm, als trüge er die Worte ins Herz geschrieben. Also schon in seiner Berufung spielt die Bedeutung der Schreibkunst eine besondere Rolle.
Deutlich tritt bei Christus, Buddha und Mohammed das Verhältnis zum Schrifttum hervor. Alle drei stehen in einer religiösen Überlieferung, nur Mohammed aber schafft selbst schriftliche Überlieferung, während der Buddha und Jesus mit der ganzen Wucht des gesprochenen Wortes wirken. Jesus allein aber ist der Kämpfer gegen die Versachlichung des lebendigen Wortes. Auch in diesem Punkt gibt es eine Nachfolge Christi. Das möge jeder bedenken, der mit dem Schrifttum zu tun hat, aber auch jeder, der religiöse Persönlichkeiten oder religiöse Gemeinschaftsformen auf ihren Wert beurteilen will.
Es liegt nahe, daß man die Gefahr der Versachlichung durch die Schrift durch Verwerfung der Schrift überhaupt vermeiden möchte. Abgesehen davon aber, daß man damit die Überlieferung hemmungslos der Willkür preisgibt, liegt darin doch auch eine Verkennung des Wertes der Schrift für die Religion. Man würde damit den Kampf in falscher Front fechten: statt gegen die Versachlichung des Wortes für dessen Auslöschung, statt für lebendigen Leserwillen für hemmungslose Willkür.
Lebendiger Leserwille! Damit sind wir an dem Punkt, der wenigstens an zwei Beispielen aus der Geschichte des Christentums herausgearbeitet werden soll, zwei Beispielen, die trotz aller Ähnlichkeit doch von größter Verschiedenheit sind: Augustin und Luther.
Verzehrt von der Glut sinnlicher Leidenschaft suchte Augustin durch die Philosophie den inneren Seelenfrieden zu erringen. Ciceros Hortensius vermochte aber nicht die Bande zu lösen. Es folgte eine Zeit, in der Augustin auf philosophischem Wege sich christliche Ideen aneignet. Die Predigt des Bischofs Ambrosius von Mailand mag den Weg dahin gebahnt haben, daß es Augustin gelang, weiterhin tief beeinflußt von Gedankengängen des Neuplatonismus, zu einer verstandesmäßigen Erfassung der christlichen Heilslehre vorzudringen. Von dem Einfluß der Predigten des Mailänder Bischofs abgesehen, durchlief also Augustin im wesentlichen eine ganze Stufenleiter literarischer Eindrücke, und auch seine erste Erfassung des Christentums war rein literarisch, wie aus seiner Erzählung im 6. Kapitel des 8. Buches seiner Bekenntnisse deutlich wird. Vor allem in den Schriften des Apostel Paulus hatte er, wie er erzählt, häufig gelesen. Erst aber die Erzählung des Pontidianus von jener Bekehrung vor den Toren Triers führte Augustin zu jenem Höhepunkt[9] in seinem Leben, in dem auf einmal das literarische Wissen Leben gewann, um wie ein Sturzbach die ganze Persönlichkeit mitzureißen.
Um diesen Vorgang zu erfassen, muß ich kurz jene Bekehrungsgeschichte an der Hand von Augustins Bekenntnissen ins Gedächtnis zurückrufen: Pontidianus hatte sich mit drei Freunden vor den Toren Triers ergangen, er und einer der Freunde hatten sich zufällig von den beiden andern getrennt. Diese aber waren auf ihrem weiteren Weg zu einer Hütte gelangt, die Mönchen gehörte. Sie fanden darin ein Buch über das Leben des heiligen Antonius. Der eine las, »Staunen erfaßte ihn, und er fing Feuer, und beim Lesen kam ihm der Gedanke, selber so ein Leben zu ergreifen«. Sie sehen also, worin bei Augustin das Erlebnis beim Hören dieser Geschichte bestanden haben muß: Er erkannte plötzlich, daß er bisher nur Buchstaben gelesen hatte, während jener vor Trier Bekehrte eben jenen lebendigen Leserwillen aufgebracht hatte, der das hinter den Buchstaben verborgene Leben selbst erfaßt; er erkannte, daß ihm die eigene Aufgeschlossenheit der Überlieferung gegenüber bisher gefehlt hatte. Mit dieser Erkenntnis aber war das Tor aufgestoßen zu einem neuen Leben: Er war für das Christentum, das Christentum für ihn gewonnen.
Anders bei Luther. Sie wissen alle, wie Luther nach seinem Eintritt ins Kloster nicht nur mit Fasten und Beten, sondern auch mit eifrigem Studium um den inneren Frieden rang. Gewiß erinnert dieses Ringen im gewissen Sinne an jenes philosophische Bemühen Augustins, aber für Luther stand von vornherein fest, daß er als Christ, als der er aufgewachsen und erzogen war, jenes Heil finden müsse, für ihn kam eine Wendung, wie sie Augustin von der sterbenden Antike zum jungen Christentum machen mußte, nicht in Frage. Gerade darum aber konnte ihm kein solches Erlebnis wie das des Augustin plötzlich das Tor öffnen. Mit zähem Fleiß und nüchterner Geduld mußte er jenen Schutt der »Versachlichung« hinwegräumen, den die Kirche aufgehäuft hatte. Dann aber stand er erst an der Überlieferung, wie sie durch die Bibel gegeben war. Augustin hatte die paulinischen Schriften gelesen, mußte aber erst noch jenes Erleben haben, um sein Damaskus zu erleben. Luther brauchte kein Damaskus in diesem Sinne, gerade darum aber wurden für ihn die Schriften des Paulus zum Schlüssel für die biblische Überlieferung.