Alexander von Humboldt sagt wohl einmal, daß die Sprache nicht nur ein ἔργον (ergon), ein Werk, sondern auch eine ἐνεργια (energia), eine lebendige Kraft sei. Das gilt ebenso vom Schrifttum, und Jesus hat das deutlich erkannt und suchte durch seine Lehre eben jene lebendige Kraft wirksam zu machen, während die Schriftgelehrten nur das Werk, die abgeschlossene Sache, kannten.

So steht die religiöse Persönlichkeit des Christus bewußt einerseits im Gegensatz zu dem Schrifttum, das seiner Jugend Religion vermittelte, anderseits aber nicht minder bewußt in ihm selbst; nur sieht er es mit anderen Augen als seine abgestumpfte Zeit. »Hat euch nicht Moses das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.« (Joh. 7, 15 u. ff.) Er reckt sich zur ganzen Größe seiner religiösen Persönlichkeit und bringt sich selbst zum Opfer, um dem toten Buchstaben wieder neues Leben zu geben. Er fühlt sich von Gott dazu berufen und seines Sieges im Sinne der Schrift sicher, darum sagt er: »Wer an mich glaubt, wie die Schrift saget, von des Leibes werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.« (Joh. 7, 32.)

So bekommt der Anfang des Johannesevangeliums seinen Sinn: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Dieses Wort hatte höchste Schöpferkraft, es war Gestaltungskraft und »Sinn an sich«: »Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.« Seine Lebenskraft wirkte auch in den Menschen: »In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.« Da aber kommt eben jene Finsternis der Versachlichung, jene geistlose Buchstabenleserei, die am Sinn vorbeigeht, indem sie meint, mit dem buchstäblichen Inhalt das Wesen ergriffen zu haben. »Und das Licht scheinet in die Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.« Die große Wendung bringt der Erlöser: »Und das Wort ward Fleisch.« Das heißt: Durch die Person des Heilands bekam das Wort auch für die Umwelt, der es toter Buchstabe geworden war, wieder Leben, Sinn und lebendige Kraft.

Ich will mit dieser Deutung nicht etwa das Logosproblem, mit dem sich so viele vom frühen Christentum bis heute abgequält haben, ähnlich gewaltsam lösen wie Goethes Faust, der da sagt: »Im Anfang war die Tat.« Die geheimnisvolle Kraft eben des Wortes, das bei Gott dem Schöpfer von Anfang an war und das die Welt hervorrief, kann ich so wenig fassen wie alle jene Denker. Meine Erklärung des Anfangs des Johannesevangeliums läßt den geheimnisvollen Kern des schöpferischen Logos unberührt; sie zeigt aber, wie eben jener Kern den Menschen in Vergessenheit kam, weil sie die Schale für die ganze Nuß nahmen. Durch die Person Christi wurde diese Schale gesprengt und die Wirksamkeit und Keimkraft des Kernes den Menschen zurückgegeben.

Gerade die Einstellung Christi zur schriftlichen Überlieferung ist es, was seiner Lehre das Gepräge gibt. Lassen Sie mich hier kurz Vergleiche mit dem Buddhismus und dem Islam ziehen.

Wenn Sie die religiöse Gestalt des Buddha betrachten, so – es ist das ja allbekannt – finden Sie manche Züge, die auch bei Jesus zu finden sind: Er entstammt nicht der Priesterkaste, aber er ist hochgebildet und setzt wie der zwölfjährige Jesus seine Umwelt durch seine Begabung in Erstaunen: »Als er in das Jünglingsalter eintrat – Lernt er das, was seinem Stande zukommt – Was bei anderen manches Jahr erfordert – Leicht und sicher in nur wenigen Tagen«, heißt es in »Buddhas Wandel«, einer der ältesten Überlieferungen des Buddhismus. Auch aus anderen Stellen dieser Schrift geht deutlich hervor, daß er reiches Wissen hat und stolz darauf ist. Nun aber kommt der große Unterschied: Während Jesus mit seinem religiösen Schöpfertum der alten Überlieferung ihren Sinn zurückgibt, aus totem Wissen lebendige Religion macht, sucht der Buddha die alte Lehre seines Landes, die der Seelenwanderung, bewußt zu verdrängen. Gewiß tut er dies in an sich tief religiöser, aus stärkstem Erleben hervorquellender Gedankenarbeit, aber der Bruch mit dem Vorhergehenden ist da, nicht nur äußerlich wie bei Jesus, sondern innerlich. Wieweit allerdings auch bei Buddha den Anstoß zu seiner Wirksamkeit eine Versachlichung der religiösen Überlieferung seiner Zeit gegeben hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Bezeichnend für diesen großen Religionsstifter Indiens ist aber, daß auch er wie Jesus nichts Schriftliches hinterließ; auch er predigte in lebendiger Sprache unter Verwendung von vielen Bildern und Vergleichen. Erst seine Jünger schreiben seine Reden auf.

Anders Mohammed, der Prophet des Islams, der weit unter dem indischen Großen steht, eben gerade deshalb, weil er selbst seine Lehre in Schrift erstarren ließ. Eine Menge verschiedenster religiöser Überlieferungen hatten auf ihn eingewirkt, und aus ihnen baute er seine neue Lehre. Diese war aber eben aus Überlieferung zusammengesetzt; sie war keine Auseinandersetzung mit ihr wie bei Buddha oder eine Zurückeroberung ihres innersten Kerns wie bei Jesus, und darum wurde sie selbst rasch starre Überlieferung, die dann Jahrhunderte als Geißel die christliche Welt schlug. Bemerkenswert ist die Erzählung, die Mohammed selbst von seiner Berufung in der 96. Sure gibt: Allah selbst oder der Engel Gabriel war ihm erschienen und hatte ihn aufgefordert:

»Lies im Namen deines Herrn, der dich schuf

lies, dein Herr ist's, der dich erkor,