Lassen Sie mich hier nur kurz erwähnen, daß auch bei den Griechen eine reiche mythologische Literatur bestand, daß der auf den Buddhismus in Indien folgende Hinduismus unter Zurückgreifen auf die vedische Überlieferung eine reiche Literatur bis auf unsere Tage entwickelt hat, mit der er in jüngster Zeit durch Vertreter wie Rabindranath Tagore auch in das Abendland herüberwirkt.

Eingehendere Behandlung der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung des Schrifttums erfordert hier aber das Christentum, wenn ich mich auch auf eine Reihe von Andeutungen beschränken muß, um mich tiefer schürfender Betrachtung zuwenden zu können. Man bedenke, daß heute die Bibel allein von der Britischen Bibelgesellschaft in ganzer Ausdehnung in 135 Sprachen, das Neue Testament allein in 127, einzelne Teile der Bibel in 295, insgesamt also in 537 Sprachen vertrieben wird. Man überlege ferner, daß die Britische Bibelgesellschaft bis zum Jahre 1903 schon gegen 300 Millionen biblische Bücher hinausgab, daß noch von unzählig vielen Stellen Bibeln gedruckt werden in unbekannt hohen Auflagen, so erhält man eine räumliche Fernwirkung von nie dagewesener Ausdehnung, d. h. fast wo ein Mensch des Lesens kundig ist, steht ihm eine Bibel zur Verfügung.

Daneben steht die um über 1½ Jahrtausend wirkende zeitliche Fernwirkung der Bibel in der von den Kirchenvätern festgelegten Gestalt, der die Wirkung der einzelnen Teile des Neuen Testaments um mehrere, des Alten Testaments um schwer zählbare Jahrhunderte vorangeht. Man denke der vielen fleißigen Hände, die im Altertum und Mittelalter durch Abschrift und Übersetzung zur Erhaltung und Verbreitung der Bibel beitrugen. Fünfzig Evangelienhandschriften ließ Konstantin für seine Stadt Konstantinopel herstellen, und seit dem 4. Jahrhundert bürgerte sich der Brauch ein, bei den heiligen Büchern den Schwur zu leisten. Vor allem aber betrachten Sie in diesem Zusammenhang Luthers Übersetzungstat, die für uns Deutsche im Verein mit der Buchdruckerkunst erst den Grund legte zu jener schon erwähnten märchenhaften Fernwirkung in alle Teile der Bevölkerung. Hier mag erwähnt sein, daß ich bei einer Buchhändlerfamilie, den Nürnberger Endter, im 17. und 18. Jahrhundert eine Unzahl von evangelischen und katholischen Bibelausgaben feststellen konnte, angefangen von den vielen Ausgaben der Kurfürstenbibel im großen Format bis zu lateinischen und deutschen Ausgaben der Vulgata, sogar eine ganz auf Pergament gedruckte lutherische Ausgabe im Oktavformat ging durch meine Hände.

Weiter sei erwähnt die riesenhafte Verbreitung mancher Andachtsbücher. Ich erwähne, von den Meßbüchern, Gesang- und Gebetbüchern abgesehen, als Beispiele das Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen, das seit dem 15. Jahrhundert in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen weiterwirkt, weiter des evangelischen Theologen Arnd »Wahres Christentum« und sein »Paradiesgärtlein«, letzteres ein Buch, das im 17. Jahrhundert wohl alle Buchdrucker Deutschlands in ungezählten Auflagen druckten. Dies mag an Beispielen und Hinweisen für die äußere Machtentfaltung des Schrifttums auf christlich-religiösem Gebiet genügen.

Dürfen wir aber nur diese Lichtseite sehen? Gibt es nicht auch Nachtseiten des Schrifttums, die auch ihre Schatten auf die Religion werfen? Nicht von der Unzahl religionsloser oder religionsfeindlicher Schriften soll hier die Rede sein. Nein, in sich selbst birgt das Schrifttum einen tödlichen Keim, auch da, wo es edelstes Religionsgut vermittelt.

Die Schrift ist nur ein Bild des gesprochenen Wortes. Und wie uns auch das beste Bild eines Menschen uns diesen selbst nicht ersetzen kann, ebensowenig kann die Schrift das gesprochene Wort ersetzen. Ihr fehlt der Ton der Stimme, ihr fehlt die Geste. Selbst wenn das Geschriebene noch so lebendig anmutet, man die hinter ihr stehende Persönlichkeit greifen zu können meint, die meisten Fäden, die unsichtbar von der redenden Person zu den Hörern führen, sind zerschnitten. Man erinnere sich, wie manche Rede oder Predigt, die uns im Innersten gepackt hat, uns unbegreiflich schal anmutet, wenn wir sie später gedruckt lesen, wie mancher Satz als platt erscheint, der unter dem Blick der redenden Persönlichkeit erschütternd wirkte. »Ein Ding soll man wissen,« sagt Seuse, »so ungleich es ist, wenn man ein süßes Saitenspiel selber hört süß erklingen, im Vergleich dazu, daß man nur davon hört sprechen, ebenso ungleich sind die Worte, die in der lauteren Gnade empfangen werden und aus einem lebendigen Herzen durch einen lebendigen Mund ausfließen, im Vergleich zu den selbigen Worten, wenn sie auf das tote Pergament kommen. Denn so erkalten sie, ich weiß nicht wie, und verbleichen wie die abgebrochenen Rosen.«

Durch die Unzulänglichkeit schriftlicher Übermittlung entsteht eine doppelte Gefahr: Der Leser liest aus den Worten mit seiner Phantasie das heraus, was ihm entspricht, er ist weniger »gefesselt« als der unter dem Bann der Rede Stehende. Das Gespenst der falschen Deutung oder auch nur des Mißverständnisses erhebt sich drohend. Da aber, wo dem Leser die Phantasie mangelt, fehlt überhaupt das wichtigste Organ des Verstehens, das »Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen«. Die Folge ist unfruchtbare Kritik, und an Stelle des Lesens, d. h. des Zusammenlesens der Buchstaben zu Gedanken des Schreibers, tritt ein Zerlesen und Zerpflücken: Die Schrift ist tot, wenn nicht der Leser ihr Leben gibt! Wie eine gepreßte Blume trotz vielleicht gut erhaltener Farbe tot ist und erst Leben gewinnt, wenn der Beschauer sie sich auf blühender Wiese, vom Wind bewegt, von der Sonne beschienen, umgeben von Gras und anderen Blüten, denkt, so hängt bei der Schrift alles davon ab, ob ein wirklicher Leser da ist.

Und darum hat Paulus (1. Korinth. 8, 1) recht, wenn er sagt: »Das Wissen blähet auf.« Denn Wissen ist nur das Ansammeln der toten Tatsachen. Tatsachen sind tot, solange nicht eine schöpferische Phantasie aus ihnen Neues baut. Reden die Leute schon viel, so schreiben sie noch viel mehr aneinander vorbei. Ein wirklich guter Schriftsteller wird daran erkannt, daß er mit seiner Darstellungsweise den Leser so anregt, daß mühelos dessen Phantasie in Kraft tritt, um das an sich tote Satzgefüge zu beleben. Darum ist ein Buch um so toter, je wissenschaftlicher es ist; denn um so mehr ist das mit den Gedanken des Schreibers eingetreten, was Fendt in seinem Buch über die Entwicklung der christlichen Gottesdienstformen »Versachlichung« nennt. Nur nebenbei sei bemerkt, daß die fremdwortwütigen deutschen Gelehrten ihre Welscherei mit der Wissenschaftlichkeit begründen. Sie haben recht; aber sie dienen damit eben jenem Wissen, das aufbläht, weil es keine Phantasie gibt, die diesen toten Wortgebilden Leben einhauchen kann.

Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, gewinnt die Stellung Christi zum geschriebenen Wort ihren vollen Sinn. »Weh' euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats!« (Matth. 23, 27.) Das heißt eben, daß die Schriftgelehrten und Pharisäer Buchstabenwissen die Menge hatten, nicht aber den Sinn, der hinter der Schrift steht. Matth. 23, 17–22 liest sich wie eine Predigt gegen die Versachlichung. Zu den Schriftgelehrten und Pharisäern ist Mark. 3, 28–30 das Wort von der Sünde gegen den Heiligen Geist gesprochen. An einer Stelle (Luk. 11, 52) tritt deutlich hervor, daß Jesus nicht wegen der Versachlichung der alttestamentarischen Überlieferung den Schriftgelehrten und Pharisäern den Hauptvorwurf macht, sondern deswegen, weil sie diese Versachlichung zur Norm erhoben, indem sie für sich allein die Schriftkenntnis beanspruchten: »Weh' euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen und wehret denen, die hineinwollen.« Dieser Schlüssel der Erkenntnis ist nichts anderes als jene unmittelbare Aneignung des eigentlichen Wortinhalts durch das eigene Vorstellungsvermögen, durch die ungebrochene Phantasie, wie gewöhnlich gesagt wird, d. h. eben durch jenes Organ, das im Gegensatz zur Wissenschaft aufs Ganze geht und auf Zergliederung verzichtet. »Nichts ist trennender vom Volke als Wissenschaft,« sagt Ricarda Huch[8], »die Trennung nach der wissenschaftlichen Ausbildung löst im Volke noch mehr auf als die Trennung nach Adel und Reichtum. Solange die Kultur auf der Phantasie beruht, ist sie dem ganzen Volke zugänglich; die Wissenschaft vereinzelt, ohne irgendeine neue Erkenntnis zu schaffen. Sie zerlegt die einheitliche Idee in Begriffe und macht damit eine Sprache, die nur von Eingeweihten verstanden werden kann; durch die Vorherrschaft dieser bewußten Sprache verkümmert die anschauliche, die aus dem Unbewußten quillt, die bewußte wird immer dürrer und lahmer, da sie des Zustroms aus der Quelle entbehrt, und putzt sich dementsprechend mit desto künstlicheren Lappen auf.« Es ist dies eine Wahrheit, die für unsere wissenschaftsfreudige Zeit schmerzlich ist. Daß sie von einer Frau so klar ausgesprochen wird, zeigt, daß eben die Frau unberührter von der Versachlichung unserer Kultur blieb.

Tritt nun hinsichtlich der religiösen Überlieferung eine Trennung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten ein, so ist die Religion in der Wurzel getroffen. Das ist die Erkenntnis, von der Jesus durchdrungen war. Denn ausdrücklich betont er ja, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, und Matth. 5, 18 sagt er: »Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetze,« und auch Lukas berichtet Kap. 16, 17 das gleiche. Und wie oft beginnt seine Antwort mit dem Hinweis: »Es steht geschrieben.« Freilich muß hier auch das 5. Kapitel des Matthäus herangezogen werden, in dem die mehrfache Gegenübersetzung »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist« und dann das »Ich aber sage euch« wie ein Bruch mit dem Alten Testament erscheint. Dieser soll nicht geleugnet werden, aber gerade aus dieser Stelle erkennt man, daß dieser Bruch darin besteht, daß Jesus über das Alte Testament hinausgehen will. Er sagt mit kurzen Worten: Es genügt nicht, die Verbote des Gesetzes einzuhalten, sondern es gilt, die schlechte Handlung durch die gute zu ersetzen. Jesus erkannte klar, daß eben jener Bann, in den die Versachlichung der Überlieferung seine Zeit geschlagen hatte, nicht nur durch den Hinweis auf den Schaden selbst – er hat es ja mit herben Worten den überheblichen Eingeweihten gegenüber oft getan – gebrochen werden kann und darum mußte er über die Gesetzesüberlieferung hinausschreiten in die Welt der freien, gottbewußten, sittlichen Tat, die weit entfernt ist von jener buchstäblichen Einhaltung geschriebener Gebote, die noch dazu, wie er deutlich sah, immer mehr verblaßt waren unter der Einwirkung menschlicher Gesetze: »Ihr verlasset Gottes Gebot und haltet der Menschen Aufsätze,« sagt er Markus 7, 8.