Den ersten Anstoß zu meinen Betrachtungen verdanke ich dem oben erwähnten Worte Harnacks. Daß ich aber gerade dem Verhältnis von Buch und Religion meine besondere Beachtung schenkte, hat mehrere Gründe. Ich war mir von Anfang bewußt, daß die Kulturgeschichte des Buches ein wichtiges Kapitel der Gesellschaftslehre bildet. Gerade aber in dieser Wissenschaft sind durch die Untersuchungen von Tröltsch und Max Weber die religiösen Probleme stark, ja in gewisser Hinsicht vielleicht zu stark in den Vordergrund gerückt worden. Dann aber wurde mir immer mehr klar, daß von allen Kulturerscheinungen die Religion die bedeutendste und bestimmendste ist. Burckhardt sagt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen: »Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen.« Und Spengler sagt: »Alle Wissenschaft ist an einer Religion und unter den gesamten seelischen Voraussetzungen einer Religion erwachsen.«
Ich durfte also hoffen, daß ich die Kulturgeschichte des Buches in ihrem Hauptstück erfasse, wenn ich bei der Religion beginne. Darüber hinaus aber ist es für mich, der ich es von Beruf mit dem Buch zu tun habe, eine Frage von entscheidender Bedeutung, wie gerade das Höchste im Menschenleben vom Schrifttum bestimmt wird.
Ich sage wieder wie oben »Schrifttum«; denn es wäre lächerlich, die Untersuchung erst bei der Entstehung des Wortes Buch oder gar erst bei der Erfindung der Buchdruckerkunst beginnen zu wollen. Es gilt doch Grundsätzliches zu gewinnen, darum muß auf den Grund gegangen werden. Dieser aber ist im vorliegenden Fall die »Schrift«.
Man fürchte deshalb nicht eine unnötige Verbreiterung der Fragestellung oder gar ein Eingehen auf das religiöse Schrifttum aller Zeiten und Völker. Wer etwa Heilers Werk über das Gebet kennt, weiß, wie schwer selbst ein Einzelabschnitt wie dieser von einem Menschen allein erschöpfend behandelt werden kann. Und doch muß eine soziologische Untersuchung wie die von mir gewagte auf völkerkundlichen Tatsachen aufbauen. Dies zeigt sich schon, wenn wir uns die Frage vorlegen nach den in der Schrift wirksamen Kräften.
Es leuchtet ein, daß die Festhaltung einer Tatsache oder gar eines Gedankens durch Schriftzeichen, möge es sich um Runenzeichen oder um primitive Bilderschrift handeln, auf den Naturmenschen einen tiefen, geheimnisvollen Eindruck macht. Er, der hauptsächlich körperlich, sinnlich lebt, macht die Erfahrung, daß es ein Mittel gibt, um zeitlich und räumlich in die Ferne zu wirken. »Projektion der Rede in Zeit und Raum«[3] muß oft um so zauberhafter anmuten, je mehr die verwendeten Zeichen von einer Bildzeichnung abweichen, je größere Kenntnisse dazu gehören, das Schriftsystem zu handhaben. Ein Forscher[4] hat das Schriftproblem ganz aus dieser magischen Grundlage zu lösen versucht und ein anderer betont die Bedeutung der Schrift als Zaubermittel[5]. In den meisten völkerkundlichen Schriften ist aber wenig davon die Rede, daß eben aus jener Besonderheit die enge Verbindung von Schrift- und Priestertum zu erklären ist. Wohl fand ich in manchen Ausführungen[6] über das Priestertum Andeutungen, wie sehr gerade bei den Naturvölkern das Priestertum auf der Überlegenheit in geistiger Hinsicht beruht, über seine Bedeutung für das Schrifttum ist aber wenig gesagt, und doch läge gerade bei uns in Deutschland ein Hinweis darauf so nahe, war doch die Runenschrift ausgesprochen eine Priesterschrift und beherbergten im Mittelalter doch die Klöster die Vertreter des Schrifttums.
Doch halten wir als geheimnisvolle Kraft der Schrift die Wirkung in Zeit und Raum fest. Über die Wirkung in die Zeit wird noch manches zu sagen sein, darum sei das wenige, was hier über die Wirkung in den Raum zu sagen ist, vorangestellt. Greifen wir hier in unsere eigene Geschichte, die des Christentums hinein, so finden wir von den Briefen der Apostel angefangen bis in die jüngste Zeit hinein Beispiele einer solchen Wirkung der Schrift in den Raum. Ihr ist es zu verdanken, daß das Christentum in der antiken Welt trotz des für damalige Verkehrsverhältnisse übergroßen Raumes des römischen Reiches sich so rasch ausdehnte und zugleich inneren Zusammenhang fand und befestigte. Und wie wäre Luthers rasche Wirkung über ganz Deutschland und darüber hinaus zu erklären, wäre nicht die Verbreitung seiner Schriften, freilich gesteigert durch die Druckkunst, in einem Grade möglich gewesen, der nur noch übertroffen wird durch die Verbreitung aller Nachrichten mit Hilfe der Elektrizität, die jetzt im Zeichen des Radio einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint!
Hier darf auch eine Erscheinung nicht unerwähnt bleiben: die päpstlichen Hirtenbriefe. Die Anhänger des evangelischen Bekenntnisses waren bisher zu sehr geneigt, die Macht des Erfolges zu unterschätzen, wenn in allen Kirchen der ganzen katholischen Welt an einem Tage ein- und dieselbe Verlautbarung des Kirchenoberhauptes verlesen wird. Bewußt wird hier die Überwindung des Raumes durch die Schrift in den Dienst der Zusammengehörigkeit gestellt und es ist gut, daß allenthalben die Erkenntnis der Bedeutung solcher Verlautbarungen durchbricht.
Doch noch weit mehr als die Wirkung in den Raum hat die in die Zeit etwas Zauberhaftes an sich. Dieser Zauber mag bei Naturvölkern, die dem Seelenkult dienten, besonders wirksam sein, so daß hier schon eine enge Berührung mit dem Religiösen gegeben ist. Und in der Tat scheint – wie ich oben schon zeigte – schon auf niederer Stufe eine enge Verbindung zwischen Priesterschaft und Schrifttum zu bestehen. Freilich ist das Priestertum nicht gleichbedeutend mit Religion, aber zweifellos ist der Priester der Hüter der religiösen Überlieferung. So kommt es, daß wohl alle Religionen durch heilige Schriften leben und lebten mit Ausnahme der vedischen des alten Indiens[7]. Die Brahmanen, die Priesterkaste dieser Religion, kannten nur die mündliche Überlieferung der alten heiligen Gesänge. Wie die Christen die Bibel, auf deutsch – wie man sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte – das »Buch«, der Islam den Koran, die Buddhisten die Reden Buddhas und die folgenden kanonischen Schriften als Überlieferung besitzen, so schrieb Laotse, der »alte Lehrer«, im Taoteking seinem Volk, das er im Zorn über seine sittliche Verworfenheit verließ, die alten Lehren seiner Religion nieder, damit es sich wieder daran emporraffe; so waren die Schriften Kungfutses nichts anderes als eine Sammlung der alten kanonischen Schriften; so besaßen die persischen Anhänger des Zarathustra im Avesta ihre heilige Schrift.
Daß in Ägypten das Schrifttum im religiösen Leben eine besonders große Rolle spielte, erklärt sich zwanglos aus dem besonders günstigen Schreibstoff. So bekam jeder Tote eine Reihe von Papyrusrollen mit ins Grab, auf denen Zauberformeln geschrieben waren, um die Gefahren der Seele auf dem Weg in den Himmel zu überwinden. In Hermopolis verehrte man den Mondgott Thot auch als Erfinder der Schrift.
Aus dem alten Ägypten läßt sich auch ein Beispiel der zeitlichen Fernwirkung der Schrift melden, wie es kaum ein ähnliches gibt: Im 14. Jhdt. v. Chr. machte Amenophis IV. den Versuch, die Vielgötterei auszurotten und durch die alleinige Verehrung der Sonnenscheibe, Aten, zu ersetzen. Mit Hilfe seiner Theologen wurde der Kult systematisch durchgebildet. Er blieb eine Episode. Aber die Sonnenspekulationen blieben erhalten, und man wird nicht fehlgehen, daß die Logosspekulationen des Ägypters Philo in ihnen wurzeln, jene Logosspekulationen, die durch die christlichen Theologen der alexandrinischen Schule, Clemens, Origenes und Athanasius, von entscheidendem Einfluß auf das christliche Dogma wurden, durch dieses bis auf unsere Zeit, also schon im vierten Jahrtausend, wirksam sind.