[1] Harnack sagte 1902 in einem Vortrag vor dem evangelisch-sozialen Kongreß das gleiche (vergl. Reden und Aufsätze Bd. II, Gießen 1906): »Lernen können wir alles mögliche aus Büchern und unpersönlichen Überlieferungen, gebildet werden können wir nur durch Bildner, durch Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben uns ergreift«.
Buch und Religion
Harnack sagt einmal in einem seiner Aufsätze[2], daß uns bisher noch eine Kulturgeschichte des Buches fehle. Und in der Tat – soviel einzelne Bemerkungen über die Bedeutung des Buches beigebracht werden können, eine zusammenfassende Behandlung dieses Themas fehlt, fehlt uns, deren Kultur von Spengler eine »Bücher- und Leserkultur« genannt wird. Man mag sich zu dieser Bemerkung Spenglers stellen, wie man will, eines kann man nicht bestreiten: In keiner Kultur, selbst der ägyptischen nicht, spielt das Schrifttum eine solche Rolle wie im Abendland.
Will man nun an die Kulturgeschichte des Buches herangehen, so gehört eigentlich ein wissenschaftliches Rüstzeug dazu von so unerhörter Ausdehnung, daß ein Einzelmensch nicht leicht in seinem Besitz sein kann, denn nicht nur die zusammenfassende Darstellung fehlt bisher, selbst an Vorarbeiten ist nur sehr wenig geleistet: Wir haben zwar eine Geschichte des Buchhandels, eine Menge von Einzelarbeiten über verschiedene Abschnitte dieser Geschichte, wir haben eine große Reihe von Literaturgeschichten, auch Darstellungen aus der Geschichte der Wissenschaften, in allen diesen mag mehr oder weniger zu finden sein über den Einfluß des Schrifttums auf die menschliche Geistesentwicklung, eine wirklich aufklärende Schrift über das Verhältnis des Schrifttums zu den verschiedenen Erscheinungsformen der Kultur, zur Wissenschaft, zur Politik, zur Religion, zur Kunst usw. gibt es bis heute noch nicht.
Es wäre töricht, aus dieser Tatsache einen Vorwurf zu machen. Denn ebensowenig wie die hohe Blüte mittelalterlicher Kunst theoretische Schriften über die Kunst als Kulturerscheinung benötigte, um in Erscheinung zu treten, ebensowenig hinderte das Fehlen einer solchen Schrift über die Bedeutung des Schrifttums, dessen stärkste Entfaltung und Verwertung. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Wie erst nach der letzten großen Stilepoche des Abendlandes, nach dem Barock, die theoretische Kunstschriftstellerei – ich erinnere an Winkelmann und Lessing – wirklich Boden fand, ebenso wird und muß auch die abschließende theoretische Betrachtung der Bedeutung des Schrifttums nachhinken. Zur Selbsterkenntnis gehört ein gewisser Grad von Reife und ein Leben muß gelebt sein, ehe man darüber schreibt.
Darüber aber kann kein Zweifel sein – auch wenn man den Gedanken des Unterganges des Abendlandes ablehnt –; wir haben in Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, ja selbst der Wissenschaft so große Epochen hinter uns, daß wir uns gestehen müssen: Es lohnt sich Kulturgeschichte im obigen Sinn zu schreiben, d. h. Rückschau zu halten. Denn wer kann hoffen, daß gerade unsere Kultur von der Vorsehung mit ewiger Zeugungskraft begabt sei?
Und weiter: Ist nicht gerade jene Rückschau, so sehr sie im einzelnen etwas Zersetzendes an sich haben mag, der Nährboden, auf dem junge Kräfte erst recht zur Entfaltung kommen? Ist nicht z. B. gerade der Same des Christentums da am besten aufgegangen, wo die Antike sich gleichsam in sich selbst zurückwandte? Man erinnere sich an die Bedeutung des Neuplatonismus für das Christentum, oder an die Tatsache, daß Augustin den Weg zum Christentum über Cicero und Plato fand. Wer der Zukunft froh werden will, muß einen Summastrich unter die Vergangenheit ziehen können und die Soll- und Habenseiten zusammenzählen; nur so weiß er, ob und wie weit er in die Zukunft mit Verlust oder Gewinn eintritt.
An diesem Vergleich kann man den Kaufmann am Schreiber dieser Zeilen erkennen. Wie kann der wagen, in solche Rückschau einzutreten? Selbst wenn man berücksichtigt, daß er mit Büchern handelt, scheint es vermessen, sich an die Riesenarbeit einer Kulturgeschichte des Buches heranzuwagen, noch dazu einen Angriffspunkt zu wählen, der ganz besonders fern zu liegen scheint. Doch habe ich darauf zu antworten: Ich will gar nicht erschöpfend mein Thema behandeln, ich will vielmehr aus Blumen, die ich bisher auf meinem Leserweg pflückte, einen Strauß binden. Es wird ein Feld-, Wald- und Wiesenstrauß sein, wie sie eben sind: Die eine oder andere Blüte wird unansehnlich sein, manche schon etwas welk vielleicht, andere dagegen zu wenig aufgeblüht, trotzdem hoffe ich, daß die Farben und der Duft, der solchen Sträußen anhaftet, andere auch veranlaßt, solche Sträuße zu pflücken, und vielleicht findet sich einmal ein Botaniker, der nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen seinen Strauß bindet. Zu weiterem Nachdenken und Forschen will ich anregen, sonst nichts.