Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen der Wirksamkeit des Buches
Zwei geistige Eigenschaften sind es, die den tüchtigen Kaufmann auszeichnen: einmal die ausgebildete Begabung, die Beschaffenheit seiner Ware zu beurteilen, zum andern aber die Urteilskraft, die den Markt für seine Ware richtig einschätzt. Von der ersten Fähigkeit hängt die Warenkenntnis ab, die es an sich nur mit der inneren und äußeren Eigenschaft der Ware zu tun hat. Aus der zweiten Fähigkeit aber entsteht die Marktkenntnis, die, für sich betrachtet, nur die absetzbare Masse bestimmt. Auf den Buchhandel angewandt, richtet sich also die Warenkenntnis zunächst nur auf die Fragen: Ist der Inhalt des Buches gut? ist es gut geschrieben? wie ist das Papier? der Druck? der Einband? Die Marktkenntnis aber kann die Fragen beantworten: Wie viele Käufer kommen in Frage? wie verhält sich zu dieser Menge die zur Verfügung stehende Auflage? Nun ist es aber klar, daß Waren- und Marktkenntnis meist in stärkster innerer Wechselwirkung stehen. Edelste Ware ist nicht in Masse herstellbar, und Massenware muß auf das Hauptkennzeichen der Edelware verzichten: auf die Einzigartigkeit des Einzelstücks. Ein wirklicher Massenartikel kann nicht aus edelstem und darum seltenem Stoff hergestellt werden. Darum druckt man z. B. ein Rechenbuch für Volksschulen nicht auf feinstes Hadernpapier und bindet es nicht in Schweinsleder; Luxusdrucke aber werden beziffert, um damit ihrer Seltenheit Ausdruck zu geben.
Nun ist es leicht, für ein solches Rechenbuch die mögliche Absatzziffer zu bestimmen, weil man die Zahl der dafür in Betracht kommenden Schüler feststellen kann, und auch bei manchem wissenschaftlichen Buch kann man fast auszählen, wie viele Büchereien, wie viele Institute und wie viele private Abnehmer dafür in Frage kommen. Bei der großen Menge des allgemeinen Schrifttums ist aber solch leichte Bestimmungsmöglichkeit nicht gegeben und die Festsetzung der Auflagenhöhe darum ein Glücksspiel. Und doch läßt sich der Zufall in mancher Hinsicht einschränken, wenn man die Frage ernstlich prüft: Wer kann alles für das Buch in Frage kommen? Wo sind die Grenzen der Wirksamkeit eines Buches? Jeder Verleger legt sich diese Frage bei der Bestimmung der Auflage, jeder Ladenbuchhändler sich die gleiche beim Einkauf vor. Er beantwortet sie aber nur gefühlsmäßig. Und doch muß es trotz der Unendlichkeit aller Möglichkeiten wenigstens einige Gesetze geben, die den Zufall zwar nicht einschränken, seine Möglichkeiten aber gesetzmäßig bestimmen.
Zunächst ist die Frage aufzuwerfen, ob es räumliche Grenzen für die Wirksamkeit des Buches gibt. So häufig es vorkommen mag, daß die in Frage kommenden Leser eines Buches räumlich geschlossen zusammenwohnen, so ist doch damit keine räumliche Grenze für die Wirksamkeit eines Buches gegeben, einfach deshalb, weil der Geist keine räumliche Grenzen kennt. Ein Buch, das z. B. in dem besonderen Dialekt einer Gegend, ja eines Dorfes geschrieben ist, wirkt schon über dessen Raum hinaus, wenn ein Forscher von außerhalb sich mit jenem Dorf oder der Gegend, in der es liegt, beschäftigt, ganz abgesehen davon, daß ja die Bewohner des Dorfes nicht festgebunden sind und den Raum ihrer engeren Heimat nicht nur verlassen können, sondern wohl auch häufig verlassen. Warum sollte nicht ein Siedler im brasilianischen Urwald mit Freuden ein Buch seiner engeren Heimat lesen, auch wenn wenige Kilometer von dieser Heimat entfernt die Mehrzahl der Menschen den Inhalt des Buches aus sprachlichen oder sonstigen Gründen nicht mehr verstehen oder wenigstens nicht mehr würdigen können. Man kann also ruhig sagen: Räumliche Grenzen gibt es für die Wirksamkeit des Buches nicht.
Es läge nun nahe, auch die zeitlichen Grenzen für die Wirksamkeit des Buches zu leugnen, weil wir jahrtausendalte schriftliche Überlieferungen besitzen und lesen können. Und in gewissem Sinne gibt es für das Buch eine zeitlich unbegrenzte Wirkung; d. h. solange es Menschen gibt, die den Willen haben, schriftliche Überlieferung zu lesen, kann ein Buch wirken. Die so gezogene Grenze erscheint uns wenigstens ebenso belanglos wie die Tatsache, daß die Wirksamkeit des Buches räumlich auf diese Erde beschränkt bleibt.
Wer tiefer eindringt, der fühlt aber doch noch eine andere zeitliche Grenze. Er fühlt, daß alte Überlieferungen zwar in gewissem Sinne weiterwirken, daß aber ein Teil abstirbt, ich glaube, sogar ein wesentlicher. Ich bin z. B. der festen Überzeugung, daß wir der Weltanschauung etwa der Zeit, in der das Nibelungenlied geschrieben ist, so fremd gegenüberstehen, daß wir zwar die große künstlerische Form, gewisse allgemein menschliche Züge der Helden u. a. einigermaßen erfassen können, das Lied selbst aber als Persönlichkeitsäußerung ist für uns wie eine zersprungene Glocke: Wir sehen die schöne Form, wir erkennen das gute Metall der Legierung, sie siegt aber nicht mehr. Da hilft keine Nacherzählung, da hilft kein Film, auch wenn er künstlerisch höher stünde als unser jetziger Nibelungenfilm mit seinen Pappdeckelwäldern, dem auslaufenden Drachenauge und der blutenden Siegfriedwunde. Wir müssen uns damit abfinden, daß der Buchstabe das Bild eines gestorbenen Lautes, der geschriebene Satz das Bild eines Gedankens ist, das nur solange lebendig wirkt, als die Menschen fähig sind, ebenso zu denken. Es mag Gedanken geben, die aller Menschheit begreiflich sind, solange es eine Menschheit gibt – ich bin sogar vom Bestehen solcher ewiger Wahrheiten überzeugt –, das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ein Buch, das aus einer Menge Gedanken besteht, eben doch in gewissem Sinne mit seiner Zeit stirbt. Mit Spengler glaube ich, daß wir z. B. die Antike niemals wirklich verstehen können, womit nicht gesagt ist, daß der Einfluß unserer Auffassung einer vergangenen Menschheitsepoche nicht von größter Bedeutung sein kann.
Damit ist gezeigt, wo die eigentlichen Grenzen der Wirksamkeit des Buches zu suchen sind: auf rein geistigem Gebiet. Ich deutete schon oben an, daß die Sprache eine dieser Grenzen ist: Ein Buch in französischer Sprache ist einem Deutschen, der nicht Französisch gelernt hat, unverständlich. Ich behaupte noch mehr: Wer nicht ganz in französischem Wesen aufgewachsen und erzogen ist, dem bleibt vieles letzten Endes auch unverständlich, wenn er Französisch gelernt hat. Eine restlose Übersetzung einer Dichtung in eine andere Sprache ist unmöglich, es bleibt immer ein mehr oder minder wesentlicher Teil unübersetzbar.