Es leuchtet auch ein, daß ein Buch über die Relativitätstheorie nur dem physikalisch und philosophisch Gebildeten verständlich ist. Bei vielen Büchern liegen also gewisse Grenzen ihrer Wirksamkeit offen zutage, und doch fehlt auch hier Wesentliches: Es sind nur die Kenntnisse gegeben, die Vorbedingung für das Verständnis des Buches sind, nichts ist aber über die Fähigkeit ausgesagt, die zur Aufnahme des Inhalts unbedingt notwendig sind. Nun wird man zwar einwenden, daß auch die Kenntnisse gewisse Fähigkeiten beweisen; beschäftigt man sich aber mit der Begabung der Leserwelt überhaupt, so erkennt man, wie nahe das Nichtverstehen auch bei den »Gebildeten« liegt. Wir wundern uns oft, wie es möglich ist, daß oft eine wichtige Erkenntnis nur langsam und mit größten Schwierigkeiten weitere Kreise erfaßt. Stellt man aber eine Untersuchung über die Verteilung der Begabung in der menschlichen Gesellschaft an, so erklärt sich diese Tatsache leicht.
Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich ein Engländer mit der Begabung des Volkes befaßt, Francis Galton (Hereditary Genius, London 1869). Von einem Deutschen, Otto Ammon, wurde auf diese Untersuchungen aufgebaut und freilich mit gar manchem Trugschluß und unter der Einwirkung eines einseitigen Darwinismus Wertvolles zur Begabungsschichtung einer Bevölkerungsmasse klargestellt. Ich folge dem deutschen Buch (Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen, 1. Auflage, Jena 1895), um das Wesentliche herauszuarbeiten.
Jedes Lebewesen vererbt auf seine Nachkommen eine Summe von Einzeleigenschaften. Die Gesetzmäßigkeit dieser Vererbung steht nach dem Mendelschen Gesetz heute wissenschaftlich fest. Die mögliche Mischung der Eigenschaften ist aber bei der Riesenzahl von Einzelwesen, die sich zur Zeugung von Nachkommen zusammenfinden können, eine sehr große. Auf dieser Tatsache aufbauend, läßt sich eine Rechnung aufmachen, deren Grundlagen sich am besten am Würfelspiel verdeutlichen lassen.
Man denke sich z. B. die Begabung einer Bevölkerung im wesentlichen auf 4 Grundlagen aufgebaut, deren jede in 6 verschiedenen Graden in Frage kommt, so kann man jeder sozusagen einen Würfel zuteilen, jedem Grad eine Seite dieses Würfels. Nun ergibt sich, daß der günstigste Wurf mit 4 mal 6 Augen und der ungünstigste mit 1 mal 1 Auge nur je in einer Zusammenstellung möglich ist, die Würfe aber mit der Quersumme 2 und 5 sind schon mit je 4, die mit Quersumme 22 und 6 schon mit je 10 verschiedenen Zusammenstellungen möglich. Die größte Zahl von Mischungen liegt in diesem Fall bei der Quersumme 14, die 146 verschiedene Möglichkeiten der Mischung gibt. Stellt man dieses mathematische Ergebnis der verschiedenen Mischungsmöglichkeiten zeichnerisch dar, so erhält man die gestrichelte Kurve der Abb. 1:
Nun ist die Vierteilung der Begabung natürlich durchaus willkürlich, denn jede dieser Gruppen läßt sich wieder in eine Unzahl Einzelbegabungen auflösen. Fragt man nun, wie die Verhältnisse bei der Annahme von mehr Begabungsgruppen liegen, so ergibt sich, daß die Zahl der Mittelmäßigkeit zu, die der Spitzenbegabungen, sowohl im guten wie im schlechten Sinne, abnimmt; bei Begabungsgruppen gibt es eben die günstigste Quersumme von 48 und die ungünstigste von 8 nur einmal unter im ganzen 1679616 Möglichkeiten der Begabungsmischung, während im obigen Beispiel die Quersumme 24 und 4 einmal unter 1296 möglich war.
Gleiche Einwirkung auf die Kurve ergibt sich, wenn man statt 6 Graden der Begabung deren mehr annimmt. Nimmt man z. B. wie Galton in seiner Untersuchung über die Begabung von 1 Million Menschen 16 Grade an, so erhält man die ausgezogene Kurve der Abb. 1.
Die Zahl der Einzelbegabungen ist zwar ebenso wie deren möglicher Stärkegrad in keiner Weise festlegbar, immerhin kann man Galtons Einteilung der Begabung als grundlegendes Bild gebrauchen, man muß sich nur klar darüber sein, daß eben wegen der Vielzahl der möglichen Einzelbegabungen und ihrer Grade in Wirklichkeit der Aufstieg der Spitze zum »Talent und Genie« noch viel geringer ist, wie natürlich auch die nach unten gerichtete Spitze der Minderbegabung weniger abfällt. Die Masse einer Bevölkerung ist also unbedingt der Mittelmäßigkeit überantwortet. Aus ihr ragen Talent und Genie in jähem Aufstieg hervor, so daß die Absatzmöglichkeit von Büchern, die an der Grenze von Mittelmäßigkeit und des Talentes liegen, was die von ihnen geforderten Ansprüche von Aufnahmefähigkeit anlangt, in einem Fall noch verblüffend groß, im anderen, wo es sich nur um eine verhältnismäßig geringe Steigerung der Schwierigkeit handelt, schon außerordentlich gering sein kann. Obwohl also die Mittelmäßigkeit vorherrscht, besteht ein großer Trost! Er liegt in der Tatsache, daß der unter das Mittelmaß der Begabung fallende Mensch sehr wohl in einer Richtung Höchstbegabung besitzen kann, die nur durch Minderbegabung in anderer Richtung ausgeglichen wird. Und in der Tat können wir bei ganz Großen des Geistes oder der Seele ausgeprägte menschliche Schwächen feststellen, ja, wir tun dies gerne, weil gerade diese Schwächen uns über den Abstand, der uns im entscheidenden Punkt von ihnen trennt, hinwegtröstet.