Es ist also mit dem Bild der allgemeinen Verteilung der Begabung nur ein ganz roher Anhaltspunkt gegeben dafür, wo die Grenzen der Wirksamkeit eines Buches liegen. Immerhin leuchtet das wohl jedem ein, daß eben gerade das belanglose Schrifttum den breitesten Boden für Absatz hat. Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern, daß etwa die Tarzan-Bücher einen Absatzerfolg erzielen, der im schreienden Mißverhältnis zum Absatz der Bücher steht, die menschlich wirklich wertvoll sind, von den Klassikern gar nicht zu reden.

Man wende nicht ein, daß die Klassiker und auch die Bibel doch in unzähligen Ausgaben weit verbreitet seien. Wer nüchtern denkt, der weiß, daß mit der Verbreitung eines Buches noch lange nicht bewiesen ist, daß dieses Buch auch in dem Umfange gelesen wird, der seiner Verbreitung entspricht. In all diesen Fällen handelt es sich um Einflüsse der Mode oder gesellschaftlichen Forderung, die ein Auseinanderfallen von Markt und Wirkungsmöglichkeit der Bücher herbeiführen. Die Wirkung der Mode ist fast immer zufällig und nicht vorherbestimmbar, während uns das Beispiel der Klassiker die Beruhigung verleiht, daß das wirklich Wertvolle schließlich Allgemeingeltung erhält. Ich erinnere an die vielen Bücherschränke mit Klassikern in der guten Stube, die nur dastehen, weil es für »ungebildet« gilt, sie nicht zu besitzen. Die Zahl derjenigen, die das zur Mode gewordene Buch Spenglers, »Untergang des Abendlandes«, wirklich gelesen haben, schätze ich im Vergleich zur Zahl der verbreiteten Stücke dieses Werkes ganz gering ein. Die meisten können über dieses Buch nur deshalb reden, weil sie da und dort einige Äußerungen über seinen Inhalt aufgeschnappt haben. Es hat aber keinen Zweck, sich über diese Verlogenheit zu wundern; denn für das Mittelmaß sind die höchsten Werke unserer Klassiker ebensowenig faßbar, wie es Spenglers schwere Kost ist. Man kann auch nur schwer gegen diese Verlogenheit ankämpfen; denn abgesehen davon, daß die Menge solch blinder Schatzbesitzer geistig schwer erreichbar ist – sie liest ja nur, was sie erfreut, und Vorwürfe erfreuen nicht –, ist es doch auch eine gute Begleiterscheinung der häßlichen Tatsache, daß dem hinreichend Begabten eine Unmenge Gelegenheit geschaffen wird, in die Welt des hochwertigen Schrifttums einzudringen. Und in der Tat! Wie häufig lesen Raffkes Kinder, was Raffke nur gekauft hat!

Damit sind wir an einem entscheidenden Punkt: Die Gesamtbegabung eines Menschen kommt nämlich nie zur vollen Entwicklung! Das sei gerade am Beispiel Raffkes verdeutlicht: Würde nämlich Raffke seine Begabung, die er nur seinem wirtschaftlichen Aufstieg widmete, auch zur Erfassung wertvollen Schrifttums verwandt haben, so wäre er eben nicht vorwiegend wirtschaftlich vorwärtsgekommen. Zum wirtschaftlichen Aufstieg gehört nicht nur Gewinnsucht, sondern auch lebendige Auffassungsgabe, Entschlußkraft und sonst noch manche Eigenschaft, die ebensogut anderen Gebieten zugewandt werden kann. Unerfreulich an der echten Raffkegestalt ist ja meistens eben jene Gewinnsucht als Haupttriebkraft des Willens und der Mangel an sittlicher Bremskraft beim Einsatz der geistigen Begabung. Daraus erklärt sich ohne weiteres die Tatsache, daß Raffkes Kinder erfreulichere Gestalten sein können und auch oft sind: Sie sind zu satt für eine so starke Entwicklung der Gewinnsucht, und ihre Entwicklung in anderen Lebensumständen ist auch mehr vor der Überwucherung der Giftpflanze Gewissenlosigkeit geschützt. Die Verschiebung in der Verwendungsmöglichkeit der Begabung ist in diesem Fall auch entscheidend für die Aufnahmefähigkeit für wertvolles Schrifttum.

Gerade darum muß hier eine große Gedankenlosigkeit in dem Ammonschen Buche als solche gebrandmarkt werden: Ammon wies nämlich, auf der Einkommensverteilung im Königreich Sachsen fußend, darauf hin, daß die Bevölkerungspyramide nach dem Einkommen der der Begabung sehr ähnlich sei, und er sah darin einen Beweis dafür, wie herrlich alles bestellt sei. Das ist natürlich barer Unsinn; denn an der Spitze jener Einkommenspyramide kann ein, abgesehen von seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten, ganz minderwertiger Kerl stehen, während manches Talent, ja Genie nicht das zum Leben nötigste Einkommen hat. Ja noch mehr: Wer seine ganze Willenskraft, seine geistige Begabung, seine Zeit ganz der Wirtschaft widmet, wird eben nur dort seinen Erfolg haben, und die Begrenzung seiner sonstigen Begabung ist belanglos, wenn man nach seinem wirtschaftlichen Erfolg fragt. Der gleiche Mann kann körperlich und seelisch ein Krüppel, auf gewissen geistigen Gebieten ein Trottel sein. Auch muß man sich darüber klar sein, daß alle Massenuntersuchungen, also auch eine über die Möglichkeiten der Einkommensverteilung einer Bevölkerung einen ähnlichen Kurvenverlauf wie den der Galtonschen Begabungskurve ergeben müssen. Entsprechen also die Tatsachen der Kurve der Möglichkeiten, so ist das nicht weiter verwunderlich, im vorliegenden Fall aber auch keineswegs sozial befriedigend.

Für die hier einschlägige Frage nach den Grenzen der Wirksamkeit des Buches ergibt sich aus dem Gesagten klar, daß wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit für hochwertiges Schrifttum nicht nur nicht zusammenfallen, sondern sich oft geradezu ausschließen. Diese Kluft zu überbrücken ist edelste soziale Aufgabe nicht zum wenigsten des Buchhandels, der hier durch billiges Angebot ausgleichend wirken kann.

Ich zeigte oben, wie die Masse der Bevölkerung hinsichtlich der Begabung dem Mittelmaß angehört. Gerade darum aber ist es ein Verbrechen, wenn unnötige Schwierigkeiten zu den schon bestehenden gehäuft werden. Das geschieht leider häufig, indem die Schwierigkeiten, die der Inhalt des Buches an sich bietet, noch um die weitere vermehrt wird, daß die Darstellung in einer Sprache gegeben wird, die jede lebendige Vorstellung ertötet. Am schlimmsten steht es in dieser Hinsicht mit der Gelehrtensprache, die oft in ein für breitere Kreise vollkommen unverständliches Kauderwelsch verfällt. Dadurch wird die Wissenschaft vom Volke abgesondert, sie wird zur Geheimwissenschaft. Die Folgen können nicht schlimmer in Erscheinung treten, als sie bei uns in Erscheinung getreten sind: Man vergegenwärtige sich nur einmal das geistige Verhältnis der sozialistischen Wähler zum Inhalt der sozialistischen Lehre! Die Masse dieser Wählerschaft ist mit der Lehre nur durch die Hoffnung verknüpft, daß sie diese Lehre aus ihren Nöten herausführen könne. Der eigentliche Inhalt aber ist für sie hinter ihrem Sprachschatz fremder Schlagworte verborgen.

Es erscheint mir immer unbegreiflicher, daß gerade von Gelehrten, die Großes von ihrem sozialen Gewissen halten, nicht eingesehen wird, daß die Lebendigkeit der Wissenschaftssprache nicht weniger soziale Pflicht ist wie die des Besitzenden, sein Kapital flüssig zu machen. Es ist die Abschließung von der breiten Masse auf Grund des Besitzes von Geld- und Sachgütern nicht verwerflicher als die auf Grund von geistigen Kenntnissen. Man entgegne nicht, daß die Wissenschaft der starken Verwendung von Fremdworten nicht entraten könne, ohne zu verflachen. Es gab und gibt bedeutende Gelehrte, die ihre Werke in lebendiger Sprache verfaßten.

So komme ich zu meinem ketzerischen Schluß: Die Absatzmöglichkeit eines Buches ist nahezu unbeschränkt, wenn es in lebendiger Sprache geschrieben ist. Die wenigsten Schriftsteller und Gelehrten haben hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einen so weiten Abstand vom Durchschnitt der Bevölkerung, daß sie die Einsamkeit des Genies für sich als Entschuldigung in Anspruch nehmen können, wenn sie nur von einem kleinen Kreis verstanden werden. Es gibt Schlemmerlokale, die nur Frack, Smoking und Lackschuhe dulden. Möge es auf geistigem Gebiet bei uns keine solchen Schlemmerlokale geben, in denen nur der geduldet wird, der seinen Geist in volksfremde Sprache kleidet!