Über die Zukunft des Buches

Es ist eine gefährliche Sache, sich über die Zukunft des Buches zu äußern; denn mit solchen Äußerungen haben schon eine große Menge Menschen ihre Unfähigkeit bewiesen, die Zukunft vorherzusagen: Als das moderne Zeitungswesen immer mehr anschwoll, hieß es, das sei der Tod des Buches; kurz vor dem Krieg konnte man im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel lange Auseinandersetzungen lesen über die Frage, ob das Kino dem Buchabsatz schade oder nütze, und durch diese Auseinandersetzungen klang als Unterton die Angst, daß dem Buch schwere Gefahr drohe. Trotz Zeitung und trotz Kino wuchs aber die deutsche Bucherzeugung jährlich zu immer größerem Umfang an. Dann kam der Krieg, und rasch war man mit der Bemerkung zur Hand, nun sei es mit dem Buchabsatz zu Ende. Und wie wurde es? Der Stellungskrieg schuf eine Menge neuer Leser, und gegen Ende des Kriegs waren die Verlagslager gar mancher Verleger nahezu leer. Nun gibt es Leute, die mit ängstlicher Miene der Befürchtung Ausdruck gaben, daß das Radiofieber dem Buch den Todesstoß versetzen werde. Schon aber kann man hören von Riesenauflagen der Radiobücher, von unerwartet großem Absatz von Operntexten der für Fernübertragung aufgeführten Opern.

Aber schon das letzte Beispiel kann uns zeigen, daß es wohl überhaupt falsch ist, von der Zukunft des Buches zu sprechen. Rein äußerlich ist ja gewiß der Begriff Buch etwas Feststehendes: Man denkt an gefalzte und zusammengebundene Papierbogen, auf denen mit einer Maschine Buchstaben in Druckerschwärze aufgedruckt sind, deren Reihenfolge einen mehr oder minder erträglichen Sinn gibt. Es ist aber doch wohl eine müßige Frage, ob das Buch unabhängig von seinem Sinn Zukunft hat.

Schneidet man aber die Frage nach der Zukunft des Buches unter Berücksichtigung des Buchinhaltes an, so zerfällt die Frage in Tausende von Einzelfragen. Das würde allen Leuten sofort einleuchten, wenn eben jene Naturgeschichte des Buches geschrieben wäre, die geistesgeschichtlich aufzeigen müßte, welche Stellung das Buch jeweils in den verschiedenen Zweigen des Geisteslebens eingenommen hat. Es würde nicht genügen, wenn diese Naturgeschichte des Buches nur den Zusammenhang großer geistiger Bewegungen, etwa der des Humanismus oder der Aufklärung, mit den im Buch liegenden Möglichkeiten aufzeigen würde. In mühevoller Kleinarbeit müßte die Bedeutung des Schrifttums an sich für alle Zeiten und Völker, die des gedruckten Buches als Massenerzeugnis im besonderen untersucht werden.

Wie auch die Ergebnisse solcher Arbeit sein werden, eines zeigt sich schon bei flüchtigem Überblick: Nicht nur die Zeiten wandeln sich, sondern auch der Begriff »Buch«, selbstverständlich nach seinem Inhalt genommen. Man vergegenwärtige sich nur einmal, welche Wandlung z. B. die Zeit der Reformation uns Deutschen für den Buchbegriff brachte: Die Bibelübersetzungen, die Luthers voran, ermöglichten dem Volke, die schriftliche Überlieferung der Heilslehre selbst zu lesen, der Heilslehre, die im Mittelalter trotz mittelbarer Überlieferung das Volk mächtig ergriffen hatte. Mit einem Schlage fast bekam damit das Wort Buch einen anderen Sinn.

Und heute, in einer Zeit, die nach der klassischen Literaturepoche liegt, ist wieder die Bedeutung eine andere für die Allgemeinheit als etwa vor 200 Jahren: Wir stellen an das »unterhaltende« Buch andere Anforderungen, als sie damals überhaupt gestellt werden konnten.

Und weiter: Welche Wandlungen hat das wissenschaftliche Buch durchgemacht! Der Werkzeugcharakter, den ihm das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter immer mehr gab, wird wohl nicht mehr ganz verschwinden, so sehr sich von allen Seiten die Versuche mehren, auch der Wissenschaft wieder Werke zu schenken, die mehr eine Zusammenschau, eine Eingliederung in ein allgemeines Weltbild ermöglichen. Die Zeiten, in denen ein Mensch das Wissen seiner Zeit etwa so in sich vereinigen konnte wie noch Alexander von Humboldt, ist für uns vorbei, und darum muß auch unser Verfahren, zu einem Weltbild zu kommen, ein anderes sein. Das wird besonders deutlich am Werk Spenglers, der den Gedanken, den der Titel seines Werkes ausspricht, kühn voranstellt, um ihm dann seine wissenschaftlichen Stützen zu geben. Gewiß mag er dem Verfasser vom »Untergang des Abendlandes« zuerst aufgeblitzt sein, als er auf einem Gebiet, etwa der Geschichte der Mathematik, von unten anfangend eine Entwicklungslinie suchte, aber alle seine anderen Untersuchungen standen dann unter der Gewalt der zunächst einseitig gewonnenen Erkenntnis. So berechtigt vor wenigen Jahrzehnten die Ablehnung der Arbeitsweise Spenglers als unwissenschaftlich gewesen wäre, so notwendig ist heute gerade als wissenschaftliche Forderung eine solche Einseitigkeit, um den toten Punkt zu überwinden, den uns das zunehmende Fachgelehrtentum mit seinem Zug zur Vereinzelung gebracht hat.

Dies Wenige mag zeigen, daß jede Zeit nicht nur dem Buch allgemein, sondern auch seinen verschiedenen Gattungen eine bestimmte Geistesrichtung zur Pflicht macht. Ist man sich über diese Tatsache im klaren, so ergibt sich notwendig eine andere Einstellung zu der Frage über die Zukunft des Buches. Ganz von selbst bleibt man dann nicht mehr so an der Oberfläche hängen wie die Vorkriegsbetrachtungen über das Kino, die ich erwähnte. Man sucht vielmehr die Regungen des Zeitgeistes zu erfassen, die insofern für »das Buch« von entscheidender Bedeutung sind, als sie nicht nur geeignet sind, in das Schrifttum einzudringen, um dessen Inhalt zu ändern, sondern auch die Wirkung haben, zum Schrifttum hin oder von ihm wegzuführen.

Solcher Einstellung fällt es nicht schwer zu zeigen, warum die gewaltige Entwicklung der Tagespresse einen Rückgang der Bucherzeugung nicht gebracht hat: Diese Entwicklung brachte eine ganz neue Technik des Lesens, die im stärksten Gegensatz zu der früherer Zeiten steht. Nicht mehr die beschauliche Erfassung der künstlerischen Einheit von Stoff und Form steht im Vordergrund, sondern die möglichst rasche Erfassung dessen, was der Leser wissen will. Der Leser sucht nur das ihm Wesentliche zu erfassen, und wie die Zeitung »überflogen« wird, so auch das Buch. Das aber ergibt, daß in wesentlich kürzerer Zeit größere Mengen »gelesen« werden können. Ich leugne nicht, daß es auch heute noch Leute geben mag, die noch im alten Sinne lesen, die Masse der Bücherkäufer aber arbeitet nach jener neuzeitlichen Lesetechnik, in der Wissenschaft nicht weniger als in der schönen Literatur. Immer mehr prägt sich dies auch auf dem Büchermarkt selbst aus, denn ganz andere Mengen können verschlungen werden, und natürlicherweise folgte der so entstandenen gesteigerten Nachfrage ein größeres Angebot.