Es hat keinen Zweck, hierüber zu jammern; denn der auflösenden Wirkung, die solche Entwicklung haben muß, stehen auch Vorteile gegenüber, vor allem der, daß eine viel größere Zahl von Schriftstellern zu Worte kommt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil wir nicht gut verlangen können, daß unser Schrifttum etwa ständig auf der Höhe der klassischen Zeit bleibe. Nicht jede Zeit kann Größen wie Goethe und Schiller, Kant und Fichte haben.

Eine Folge aber der neuen Lesetechnik ist der immer lauter ertönende Ruf nach der Abbildung, die ein viel rascheres Ergreifen des Inhalts möglich macht, als es die zu Worten und Sätzen geordneten Buchstaben vermögen. Heute ist kein geographisches Lehrbuch ohne reichliche Beigabe von Bildern und Skizzen mehr möglich, und das medizinische Lehrbuch wird fast in erster Linie nach der Güte der gebotenen Abbildungen eingeschätzt. Die Riesenauflagen von bebilderten Zeitschriften, ja solchen, in denen das Bild fast allein erzählt, beweisen, daß die große Masse der Leser zum Bilderbuch übergegangen ist.

Das Kino ist eine Erscheinung, die ganz in diesen Rahmen paßt: Der rein sachliche Inhalt eines Romans kann ja viel rascher im Kino erfaßt werden als durch das Lesen eines Buches, und es ist lächerlich zu glauben, daß der eifrige Kinobesucher als Romanleser je zu einer Erfassung Kellerscher Kunst in dem Sinne kommen kann, wie die Leser der Kellerschen Zeit sie als selbstverständlich ansahen. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß er auf ganz anderem Weg zu einem Genuß der Kunst Gottfried Kellers kommen kann; in diesem Fall ist aber eben dann der sachliche Inhalt ganz zurücktretend, das Künstlerische und Reinmenschliche wird »ohne Spannung« genossen, rein beschaulich, die Spannung des modernen Bilderromans ist schon wegen der Raschheit, in der sie erzeugt und gelöst wird, so etwas ganz anderes als die des alten Romans, daß Vergleiche nicht mehr gezogen werden können.

So kommt es, daß große Teile unseres Schrifttums nur aus »geschichtlicher« Einstellung auf einen anderen, vergangenen Zeitgeist genossen werden. Man wird einwenden, daß doch viele Bücher des schöngeistigen Schrifttums unserer Zeit in keiner Weise dem Kinogeschmack entsprechen und doch weite Verbreitung finden. Dem ist entgegenzuhalten, daß zweifellos eine große Menge Gebildeter dem Kino wenn nicht feindlich, so doch ablehnend auch heute noch gegenübersteht, d. h. nicht in dem Maße von der Sucht zu sehen statt zu lesen ergriffen sind, daß sie nicht auch noch den guten »literarischen« Roman genießen könnten. Darüber hinaus gibt es noch Leute, die mit snobistischer Gönnerhaftigkeit die gute Literatur »pflegen«, besonders wenn sie gut angezogen ist. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, daß die breite Lesermasse ganz anders geartet ist: Als Beweis nenne ich nur den Erfolg von Tarzan und den der Magazine, mit denen wir innerhalb eines Jahres beglückt wurden.

Daneben läuft eine andere Erscheinung, die der geistigen Lage unserer Zeit ebenso entspricht wie die Freude am Bild: Es ist die Beliebtheit seelischer Zerfaserung, wie sie z. B. gerade von den großen Russen gepflegt wurde. Sie ist in ihrer Unerbittlichkeit dem Kino verwandt; denn wie dieses beschränkt sie die Phantasie des Lesers und bindet ihn an eine strenge Eindeutigkeit. Das wird mit einem Schlage klar, wenn man sich fragt, ob auch nur eine Person der neuzeitlichen Romane in dem Maße als das eigene seelische Abbild betrachtet werden könnte, wie das mit Goethes Werther der Fall war. Es ist klar, daß der Leser sich um so leichter in einer Romangestalt wiederfinden kann, je mehr deren Schilderung mit allgemein menschlichen Zügen aufgebaut ist, je weniger Einzelzüge berücksichtigt sind, die der Vorstellung vom eigenen Ich widersprechen. So zeigt sich auch hier, daß der Leser unserer Zeit beim Lesen viel weniger Anteil nimmt, als er betrachtet. Selbst die Form wird mehr kritisch-ästhetisch gewertet, als daß die Seele im gleichen Rhythmus mitschwingt. Es ist eine Versachlichung literarischer Kunst eingetreten, die der vorwiegend geschichtlich eingestellten Kunstbetrachtung entspricht.

Schon aber bahnt sich eine neue Entwicklung an, die in noch durchgreifenderer Weise vom Schrifttum wegführt als die Sucht nach bildlicher Darstellung: Das gesprochene Wort, der lebendige Klang gewinnt wieder mehr Bedeutung. Die junge Lyrik, wie sie mit den »Neutönern« begann, suchte zuerst wieder Klang in die Dichtung zu bringen, hatten ihre Vertreter doch erkannt, daß der Ton unserer Dichtung in vieler Hinsicht stumpf geworden war, daß die Glocke einen Sprung hatte, daß das Metall, der Stoff zwar noch Laut gab, aber keinen singenden Ton. »Ihr hört mit tauben Ohren, Und sprecht mit stummem Mund«, lautete der Vorwurf von Arno Holz an die alten Dichter. Diese Erkenntnis aber einer geistigen Oberschicht konnte sich nur in einer Bewegung auf schmalster Grundlage auswirken. Die breite Masse des Volkes war noch nicht so weit, daß sie unter der Tonlosigkeit der Zeitstimme litt. Erst die Aufrüttelung durch Krieg und Revolution brachte hier Wandlung, wenn auch gern zugegeben sein soll, daß die Jugendbewegung schon vorher bis in die Arbeiterkreise hinein die Sehnsucht nach Klang in sich trug. Sie suchte aber mehr unter Anknüpfung an geschichtlich Überliefertes das Lied zurückzugewinnen, als daß sie ganz allgemein die Stumpfheit unserer Sprache im gesamten Schrifttum empfand. Die Erschütterungen seit Kriegsbeginn aber zeigten, daß mit dem geschriebenen und gedruckten Wort eben nur der begnadete Künstler tief wirken kann. Der aber fehlte und fehlt einstweilen noch, und so erklärt sich die Erscheinung, daß der Redner auch da geradezu triumphierte, wo sich der geistige Inhalt seiner Rede in keiner Weise mit den Leitartikeln der Presse messen konnte: Die Gewalt des mit dem Klang der innerlich ergriffenen Persönlichkeit gesprochenen Wortes zeigte sich dem feingeschliffenen gedruckten Wort weit überlegen, und zwar nicht nur beim »Volk«, sondern auch bei weitesten Kreisen der Gebildeten. Ich erlebte es, daß ein ausgewählter Kreis von führenden Leuten des Handels und der Industrie, dazu Beamte bis zu Ministern, einem bekannten Volksredner über zwei Stunden in atemloser Spannung lauschte und die meisten erst hinterher gewahr wurden, daß der Redner ja über den Gegenstand, über den er eigentlich sprechen sollte, so gut wie nichts gesagt hatte.

Die Entwicklung des Radio wird der Neigung zum gesprochenen Wort wohl noch weiter Vorschub leisten, doch glaube ich, daß sehr bald die Sehnsucht nach der lebendigen Gebärde auch diese Entwicklung wieder in andere Richtung lenken wird; denn das Wesentliche unserer Zeitrichtung ist die Flucht vor allem Toten, die Sehnsucht nach dem Ausdruck lebendiger Persönlichkeit.

Darum bewegen wir uns in gewissem Sinn vom Buch immer mehr weg trotz aller Vergrößerung buchgewerblicher Erzeugung. Diese verdankt ihren Aufschwung der Tatsache, daß das Buch zum Werkzeug wurde, nicht nur in der Wissenschaft, nicht nur als Schulbuch in weitestem Sinne, sondern nicht minder das »schöne« Buch, das in einem Fall Text zu einem Kinostück, im anderen zu einem Radiovortrag oder zu der beliebten Seelenanatomie ist. Man beachte, wie viele Leute heute Goethes Tasso wirklich nur mehr als Text zu einer schauspielerischen Leistung eines bestimmten Bühnenkünstlers genießen, wie sehr etwa bei Darstellern wie Pallenberg die Frage nach dem Gehalt des Stückes, nach seinem künstlerischen Wert zurücktritt gegenüber der Freude an der Lebendigkeit der vorgezauberten Bühnenfigur. Man prüfe in diesem Zusammenhang den Erfolg eines Buches wie das von Ford. Wurde es von den meisten nicht deshalb zur Hand genommen, weil man in ihm brauchbare Rezepte vermutete?

Man werfe mir nicht vor, daß ich zu schwarz male. Diese Betrachtungen haben nichts zu tun mit Weltschmerz. Würden wir heute in einer Zeit blühenden Schrifttums stehen wie etwa zur Zeit Goethes, dann wäre uns das Buch eben deshalb etwas, weil es das beste oder eines der besten Ausdrucksmittel unserer Zeit wäre. Da wir aber heute kein Schrifttum haben, das uns in diesem Sinne bestes Ausdrucksmittel unseres Empfindens ist, weil wir keine Vertreter schriftstellerischer Kunst haben, die uns ergreifen könnten nicht nur allgemein menschlich, sondern gerade als Menschen unserer aufgewühlten Zeit, so können wir eben nicht mit Literatur unser seelisches Gleichgewicht herstellen; denn sie ist zwar Ausdruck unserer Zeit, nicht mehr aber hat sie die künstlerische Kraft, um die Spannung zu lösen, die uns alle in Bann hält. Wir können, einzeln genommen, vielleicht durch ein Gedicht Mörikes, Kellers oder auch durch das eines neuzeitlichen Dichters erschüttert werden, ja gar mancher flieht vielleicht zu Goethe oder noch weiter zurück zu einem Großen unseres Schrifttums, das ist aber nicht entscheidend für die große Masse, die wie zu allen Zeiten ihre Kunst haben will, die Kunst, die vollendeter, Spannung lösender Ausdruck ihrer Zeit ist, die Stil ist. Ist es schwarz gesehen, wenn man gesteht, daß man in einer Zeit lebt, die ihr Innerstes durch schriftstellerische Kunst nicht ausdrücken kann? Wäre es nicht feige, diesem Geständnis auszuweichen? Ja noch mehr, wäre es nicht undankbar gegenüber dem Segen an künstlerischem Schrifttum, den unser Volk aufweisen kann, wollte man die Pause nicht wahr haben, die nun eingetreten ist auf dem Gebiete des künstlerischen Schrifttums? Ebensowenig wie der einzelne Mensch kann auch ein Volk immerzu schöpferisch sein auf allen Gebieten. Das ist die traurige, aber doch menschlich große Erkenntnis unserer Zeit. Daß sie Spengler mit so großem Erfolg aussprach, verdankt er dem Umstand, daß er damit die Zeit von dem Druck eines ungewissen Etwas befreite, das man wohl gefühlt, aber nicht erkannt hatte.

Am wenigsten ist Grund, mir als Buchhändler Schwarzseherei vorzuwerfen, denn der Möglichkeiten des Buches als Werkzeug sind heute noch so viele, daß die Notwendigkeit des Rückgangs der Erzeugung solcher Bücher weit ab liegt. Ja noch mehr, es ist eine der Aufgaben unserer Zeit, dem Buch als Werkzeug einerseits eine immer zweckmäßigere Form, andrerseits eine immer größere Verbreitung zu geben.