Man wird nun sagen, daß es doch trostlos wäre, wenn nur diese nüchterne Seite des Buches als Wirkungsfeld bliebe. Auch wird man die Frage aufwerfen: »Gibt es denn keine Ewigkeitswerte unseres Schrifttums?« Beide Einwendungen sind mehr als berechtigt. Aber gerade aus ihrer Verbindung läßt sich die Antwort für beide gewinnen. Der Wert, den unser klassisches Schrifttum in sich birgt und der als überzeitlich bezeichnet werden kann, ist nicht ein Wert, der ohne weiteres erkannt noch viel weniger nutzbar gemacht werden kann, denn er wurzelt in persönlichstem Künstlertum. Nirgends gilt der Satz, daß das Ererbte erworben werden muß, wenn man es besitzen will, mehr als in diesem Zusammenhang. Es ist Aufgabe genug, in dieser Richtung alles zu tun, was geschehen muß, um diese Quellen offen zu halten. Wir müssen uns klar darüber sein, daß jede Zeit eine andere Einstellung zu Goethe z. B. hat, daß die Wege, auf denen man ihr die Größe dieser Persönlichkeit nahe bringen muß, verschieden sind. Diese Wege zu bahnen durch sinnvolle Zusammenstellung und Auswahl sowohl, wie durch entsprechende äußere Form, ist eine Pflicht, deren Erfüllung gerade dann am wenigsten versäumt werden darf, wenn das Schrifttum der eigenen Zeit die Größe nicht erreichen kann, die jenem Erbe entspricht. Man bedenke, daß Krieg und Revolution eine vollkommen neue Schicht von Lesern erzeugt hat, die zwar Leser im neuzeitlichen Sinne sind, in deren Reihen aber viele sind, die für Wertvolleres gewonnen werden können als für den Kitsch des Tages. Ihnen unsere Schätze so billig als möglich und doch geschmackvoll zu bieten, ist zwar eine in Angriff genommene, aber noch nicht erfüllte Aufgabe. Sie beginnt schon beim Lesebuch in der Schule und es ist einer der wichtigsten Fortschritte unserer Zeit, daß die Schule keine Lesebücher mehr will, die nach dem belehrenden Inhalt zusammengestellt sind, daß das literarisch wertvolle Buch die Forderung des Tages ist; bedauerlich ist nur die Wegerziehung vom Buch als künstlerisch geschlossenes Ganzes, die in dem Augenblick in gewissen Schulkreisen einsetzte, wo erste Kräfte bemüht sind, den Erwachsenen das Lesebuch als künstlerisch berechtigte Form der Darbietung unseres »Erbes« nahezubringen.

Weiterhin gilt es, sich dem Schrifttum unserer Zeit nicht zu verschließen. Denn in ihm liegt eine wichtige Möglichkeit, das Gesicht unserer Zeit den folgenden Geschlechtern zu bewahren; auch diese sollen uns dereinst zu verstehen suchen, wie wir dem Sinn der Geschichte nachgraben.

Wir müssen unser Schrifttum dafür gewinnen, daß es in vermehrtem Maße dazu hilft, das große Erbe an die neu heranreifenden Schichten heranzubringen, denn die Leserschaft ist bestimmend dafür, daß unser Schrifttum in seinen wertvollen Teilen als lebendige Kraft erhalten bleibt. Ein wesentlicher Teil unseres heutigen schriftstellerischen Schaffens gehört aber der Tagespresse und in dieser Tatsache liegen bisher nur ganz unvollkommen genützte Möglichkeiten. Der Großteil der Presse und des ihm dienenden Schrifttums hat gewiß den guten Willen, seine Leser zum guten, wertvollen Buch hinzuführen, aber die Planlosigkeit mit der dieser Wille sich auswirkt, bringt sie um den Erfolg des Bemühens. Nur mit Hilfe des Schrifttums unserer Zeit können wir uns der Geschichte überliefern, aber auch nur mit seiner Hilfe können wir das zur Geschichte gewordene Schrifttum unserer großen Zeiten als lebendige Kraft erhalten.

Aus der Geschichte heraus wird uns aber auch dereinst ein neuer Morgen des Schrifttums anbrechen, der Morgen eines Tages, an dem neue Blüten aufbrechen werden an den Sträuchern und Bäumen, die heute vielleicht nur buntes Laub tragen.

Wie wir in der Nacht leichter in uns hineinsehen, uns auch der Ewigkeit mehr aufschließen können, als im Getriebe des Tages, so gilt es auch heute, das Gestern mit prüfendem Sinn zu überdenken, der Möglichkeit, ja der unbeschränkten Möglichkeit des Morgen, die Seele zu öffnen auch dadurch, daß wir durch Ruhe Kräfte sammeln. Es gibt eine Ruhe, die der erste Auftakt zur Leistung ist. Ich höre, wie die deutsche Seele in sich hineinhorcht. Sie mag zunächst erschrecken über die Stille, die der »Untergang« der Sonne um sie verbreitet. Schon aber hat sie begonnen, die Ewigkeit wieder zu vernehmen, die ihr in der Zeit des Erfolges von Wissenschaft und Technik zu einem Rechenbegriff geworden war. Je tiefer wir in diese Ewigkeit hineintauchen, um so gekräftigter wird uns das Morgen finden, denn aller Wert der Persönlichkeit ist bestimmt durch die Überwindung toter Versachlichung und durch die in die Ewigkeit wirkende Kraft wirklichen Lebens. Der Gehalt an Persönlichkeit aber bestimmt auch die Zukunft des Buches.


Inhalt

Vorwort[5]
Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung[7]
Buch und Religion[29]
Buchhandel als Beruf[59]
Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen der Wirksamkeit des Buches[69]
Über die Zukunft des Buches[87]