Soll aber dieser gemeinsame Wille der Hilfsbereitschaft sich auswirken zum Segen des Ganzen, so muß die Bahn frei gemacht werden nach der Richtung, in der allein politisches Leben zu finden ist, in Richtung auf den Staat. Nicht ein Staat ganz bestimmter Form kann hiebei in Frage kommen – die Wege würden da ja gleich auseinanderführen –, zunächst handelt es sich nur um das Bewußtsein, daß Politik ohne Staat unmöglich ist. Erst dieses Bewußtsein schafft die Möglichkeit, weiterzuplanen.
Darum ist der Inhalt der Überschrift dieses Aufsatzes von mir als die Frage gedacht: Können politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung uns heute helfen, helfen in jenem eindeutigen Sinne?
Nun glaube ich nicht, daß ich allein die richtige Antwort geben kann; ich bin aber überzeugt, daß die Aufwerfung der obigen Frage an sich schon Wert besitzt. Je mehr das gleiche tun, desto sicherer wird sie geklärt, auch wenn die Antworten weit auseinandergehen. Irgendwie wird dann der sachlich unantastbare Kern gefunden, losgelöst von den Schalen persönlicher Gebundenheiten.
Diese Gebundenheiten eines Buchhändlers, der sich an der Universität geisteswissenschaftlichen Studien hingab und dann als Offizier den Krieg mitmachte, sind nicht schwer zu erkennen, ja um so mehr faßbar, wenn man genau verfolgt, welche Zeugen er für seine Begriffsbestimmungen anführt. Diese aber sind die Voraussetzungen für alles Weitere; denn der Hauptgrund dafür, daß die Menschen soviel aneinander vorbeireden, ist der, daß sie mit den gleichen Worten Verschiedenes ausdrücken.
In der von mir gewählten Überschrift sind im ganzen vier Begriffe, die verdeutlicht werden müssen.
»Alle Politik ist Kunst.« Mit diesem Wort begann Heinrich von Treitschke seine Vorlesungen über Politik, und wenn man ein beliebiges Wörterbuch aufschlägt, so findet man als erste verdeutlichende Übersetzung des Wortes Politik »Staatskunst«. Es ist wohl das Beste, daran festzuhalten, daß alle weiteren Worterklärungen vom wahren Sinn des Wortes abirren. Es hat schon Leute gegeben, die Politik als Wissenschaft hinstellen wollten. Sie wurden dazu verleitet, weil die Politik des wissenschaftlichen Rüstzeuges nicht entraten kann. Es wird aber wohl niemandem einfallen, die Malerei als Wissenschaft zu bezeichnen, weil sie sich bei uns z. B. der Mathematik in Form der Perspektive bedient. »Alle Politik ist Kunst« heißt: nur ein Künstler kann sie beherrschen. Muß man darüber noch mehr sagen in einer Zeit, wo von allen Seiten nach dem Manne gerufen wird, der den politischen Knoten unserer Zeit löst, und sei es durch scharfen Hieb? In einer Zeit, in der Bismarcks letzter Erinnerungsband die ganze Kümmerlichkeit aller jener Politiker zum Bewußtsein bringt, die dem großen Meister nicht etwa nachfolgten, sondern genug zu »können« wähnten, um eigene Wege zu gehen?
Es läge nun nahe, daß ich an zweiter Stelle erklärte, was ich unter einem Staatsbürger verstehe; damit würde ich aber nahezu die Hauptsache meiner Ausführungen vorwegnehmen, denn man wird aus der Überschrift herausgefühlt haben, daß ich eben der politischen Bildung die staatsbürgerliche Erziehung gegenüberstelle. Dazu kommt, daß ich mich nicht ohne weiteres an Treitschke anschließen kann, dem ich für den Begriff der Politik folgte. »Es ist eine aus Frankreich herübergenommene radikale Schrulle, wenn man in dem Worte Untertan etwas Ehrenrühriges sieht und dafür Staatsbürger einsetzt. Untertan und Staatsbürger sind zwei sich ganz und gar deckende Begriffe, nur daß in jenem mehr Verpflichtung, in diesem mehr die Berechtigung betont wird.« Aber seit Treitschke dies aussprach, ist das Wort Untertan noch mehr in Verruf gekommen; es gibt keine »Regierenden und Regierten« mehr wie damals Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das Volk regiert sich ja selbst! Diese Andeutung, daß gerade der Staatsbürgerbegriff die große Frage der Überschrift dieser Ausführungen umschließt, muß hier zunächst genügen.
Einer eingehenden Auslegung aber bedürfen noch die Begriffe »Bildung« und »Erziehung«. Ich möchte hier geschichtlich vorgehen; wir erhalten dadurch, wie sich bald zeigen wird, einen besonders klaren Ausblick auf den Weg, der zurückgelegt werden soll.
Das Wort Bildung hat manche Wandlung in seiner Bedeutung erlebt. Es wurde zwar häufig in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebraucht, aber immer im Sinne von Gestalt; man sagte z. B. von einer schönen Frau, sie sei von ausgezeichneter Bildung. Erst in der klassischen Zeit, hervorwachsend aus der Aufklärungsphilosophie, bahnt sich das Wort in seiner geistigen Bedeutung den Weg.