Die vielleicht klarste Verwendung in der neuen Bedeutung finden wir bei Schiller in den philosophischen Schriften. Er, der ja die ästhetische Erziehung als Forderung aufstellt, mußte ja auch am ehesten an den ursprünglichen Wortsinn anknüpfen können. Was Plato sich von jedem Ding dachte, das Vorhandensein einer Idee, eines idealen Vorbildes in einer besseren Welt, das beherrscht Schiller besonders im Hinblick auf den Menschen in jeder Hinsicht, vornehmlich aber in geistiger. »Nicht der Masse qualvoll abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts entsprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick.« Diese Verse aus dem Gedicht »Das Ideal und das Leben« verdeutlichen am besten, wie Schiller sich jenes Bild der besseren Welt der Gedanken dachte im Gegensatz zu dem in Wirklichkeit erscheinenden.
Kurz sei Goethes Persönlichkeitsideal erwähnt. Erst beim alten Goethe – in Wilhelm Meisters Wanderjahren und im zweiten Teil des Faust – bezieht er Staat und Gesellschaft mit ein, also in jener Zeit, die den politisch so entscheidenden Jahren um die Jahrhundertwende erst folgte.
Die Betrachtung gerade dieser Zeit aber ist aus begreiflichen Gründen für uns von ausschlaggebender Bedeutung. Es ist die Zeit der geistigen Geburt des neuen deutschen Staates: Aus den weltbürgerlichen Strebungen der Aufklärungszeit und denen unseres klassischen Zeitalters wächst das Ideal des Nationalstaates hervor. Am Anfang dieser Entwicklung steht Wilhelm von Humboldt; er wird auch in der klassischen Darstellung dieser Entwicklung durch den Berliner Historiker Meinecke an die Spitze gestellt. Wohl mutet er uns noch allzusehr von weltbürgerlichen Idealen erfüllt an, doch werden Sie den Fortschritt, den wir Humboldt hier verdanken, sofort erkennen, wenn Sie sich einerseits die Beziehungslosigkeit unserer klassischen Dichter zum deutschen Staatsgedanken vergegenwärtigen und dann folgende Worte Humboldts in sich aufnehmen: »Die Zivilisation ist die Vermenschlichung der Völker in ihren äußeren Einrichtungen und Gebräuchen und der darauf Bezug habenden Gesinnung. Die Kultur fügt dieser Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes Wissenschaft und Kunst hinzu. Wenn wir aber in unserer Sprache Bildung sagen, so meinen wir damit etwas zugleich Höheres und mehr Innerliches, nämlich die Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und den Charakter ergießt.« Selbst noch Weltbürger, hat er mit dieser Aufstellung des deutschen Bildungsbegriffes im Gegensatz zu den aus der Fremde übernommenen Begriffen »Zivilisation« und »Kultur« für das Deutschtum nach meiner Ansicht mehr geleistet als mit all seinen staatsphilosophischen Betrachtungen, soviel auch diese sonst in der Geschichte des deutschen Nationalstaates eine Rolle spielen mögen.
Indem ich für diese Geschichte hinsichtlich der Einzelheiten auf Meinecke verweise, wende ich mich nun zu jener Gestalt, die eben jenen deutschen Bildungsbegriff, gedrängt durch das Gefühl für Deutschlands tiefste Erniedrigung, aus der Enge der Gedankenwelt einzelner, über ihrer Zeit stehender Persönlichkeiten hinaustrug in den Kampf mit der Not der Zeit: zu Fichte. Es wäre eine Aufgabe für sich, an der Hand der »Reden an die deutsche Nation« im einzelnen der Frage nachzugehen, wie Fichte mit diesem Hinaustreten in die Arena des Zeitkampfes nicht nur die politische Gleichgültigkeit der »Gebildeten« bekämpfte, sondern gerade jenes Bildungsideal der klassischen Zeit zur politischen Waffe umschmiedete. Hier kann nur in enger Zusammenfassung das Wesentliche herausgehoben werden. Ich schicke zwei Sätze der ersten Rede voraus: »So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel, dessen Anzeige ich versprochen, in der Bildung bestehe zu einem durchaus neuen und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen, niemals aber als allgemeines und nationales Selbst dagewesenes Selbst und in der Erziehung der Nation.« Und: »Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit.« Aus diesen beiden Sätzen läßt sich alles Wesentliche entnehmen: Fichte faßt erstens die Nation als ein Wesen auf, das wie die Einzelpersönlichkeit eine bestimmte Willensrichtung haben kann, und er fordert, daß dieser Wille zur Aufwärtsentwicklung, zur Bildung der nationalen Persönlichkeit angespannt werde; zweitens aber ist er sich klar darüber, daß das Idealbild zunächst nur bei den schon Gebildeten in reinster Form als Ziel erkannt werden kann, und darum ist es Pflicht eben jener Gebildeten, an der Erziehung der übrigen Teile der Nation so zu arbeiten, daß sie mit richtigem Zielstreben erfüllt werden.
Damit haben wir zum erstenmal eine klare Trennung zwischen »Bildung« und »Erziehung«: Bei der Erziehung ist das Bild, zu dem ein Mensch herangebildet wird, nicht in ihm selbst, es ist vielmehr das Ideal des Erziehers. Wohl dachten ein Schiller oder Humboldt wie auch Goethe nicht nur an die »Sichbildung«, wie sie Fichte an einer Stelle nennt, auch sie waren sich klar darüber, daß der Mensch in seinem Bildungsgang auch von außen beeinflußt wird; allein sie stellen, selbst starke Persönlichkeiten, diesen äußeren Einfluß so weit unter die »Sichbildung«, daß z. B. Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahren nur Wilhelms Bildungsstreben herausarbeitet, alle Personen seiner Umwelt erscheinen als von ihm benütztes Mittel zum Zweck, nicht als durch bewußte Erziehung wirkende Personen. Erst in den Wanderjahren tritt bewußte Erziehungstätigkeit in Erscheinung, und mich dünken diese Teile weniger ursprünglich. Humboldt widmet zwar in seinem Buch über den Staat das 8. Kapitel der Sittenverbesserung, ist aber weit davon entfernt, den Begriff der Erziehung dabei zu berühren; er gibt vielmehr fast nur einen Abriß der Philosophie Schillers, in dem er die Überwindung des Sinnlichen durch das Schöne im weitesten Sinn des Wortes verlangt. Die Not der Zeit, von Fichte tiefinnerlich empfunden, brachte die Wendung: Fichte erkannte, daß den Deutschen nur geholfen werden kann, wenn die Wirkung der deutschen Bildung, wie wir sie vorhin in einem Worte Humboldts kennenlernten, auf die breite Masse des Volkes ausgedehnt werde, und dazu bedarf es der Erziehung.
Man sieht, durch meine geschichtliche Betrachtung führte ich längst über jene zur Verständigung notwendige Begriffsbestimmung hinaus. Wir stehen schon mitten im Kernpunkt der Aufgabe, das Verhältnis von »politischer Bildung« und »staatsbürgerlicher Erziehung« zu bestimmen. Wir können feststellen, daß von Fichte jedenfalls ein Unterschied gemacht wurde zwischen Bildung, Sichbildung und Erziehung. Das ist wichtig; denn wenn wir nun in großen Zügen die geschichtliche Betrachtung weiterführen, so zeigt sich, daß einerseits die Philosophie, ich erinnere besonders an Herbart, andrerseits die praktische Erziehungsreform Pestalozzis und seiner Nachfolger die Erziehung immer mehr zum Mittelpunkt machten: Wir erhielten dadurch eine aufs höchste entwickelte Erziehungswissenschaft – gewiß eine nicht zu unterschätzende Errungenschaft. Allein die Kehrseite von dieser Entwicklung ist höchst unerfreulich: Wir verloren jene Bildung der Persönlichkeit aus eigenem Streben heraus. Der Idealismus verlor dadurch die Bedeutung, die er sich in der klassischen Zeit erobert hatte. Es trat eine Versachlichung eben dieses Ideals ein, was man vielleicht am besten dadurch bezeichnet: An die Stelle des Ziels trat der Zweck. Wir kamen so weit, daß man unter einem gebildeten Menschen den verstand, der z. B. wußte, welcher Anzug der jeweils richtige ist; wir sanken also bis auf die Stufe jener Zeit zurück, in der höfische Etikette die Hauptsorge kleiner verschuldeter Fürstenhöfe war. Gewiß war der allgemein zunehmende Materialismus schuld; aber es sei nicht vergessen, daß auch die einseitige Entwicklung der Erziehungswissenschaft die Verantwortung mit zu tragen hat, wobei allerdings zu fragen ist, ob eben diese Entwicklung nicht selbst eine Äußerung des Materialismus darstellt.
Der Rückstoß blieb aber nicht aus: Als Nietzsche sozusagen mit Posaunentönen das Ideal des »Übermenschen« verkündet hatte, da erlebte man bald jene Vertreter des rücksichtslosen Auslebens der eigenen Person: Die Erziehung wurde als Schulmeisterei über Bord geworfen, und das herrliche Zeitalter des Schwabingertums kam zur Blüte. Die Frucht, die folgte, haben wir gekostet und der schlechte Geschmack will nicht von der Zunge weichen. Nietzsche selbst trifft für den Kenner keine Schuld; er war nur der Auslöser einer naturnotwendigen Bewegung; andere Geistesgrößen, die zwar auch den Umschwung forderten, aber nicht mit jenem schmetternden Klang, drangen nicht über eine kleine Gemeinde hinaus. Ich erinnere nur an Lagarde. Noch stehen wir mitten in dieser Revolution des Geistes, und die politische Revolution ist nur ein Ausschnitt aus dem Riesenkampf, der jetzt allenthalben tobt.
Es ist nun fesselnd zu beobachten, wie in dem Ringen um neue geistige Ziele um die Jahrhundertwende die Forderung nach staatsbürgerlicher Erziehung auftauchte, und wie man an ihrer Lösung arbeitete: Man forderte, daß jedem Deutschen auf der Schule gelehrt werde, welche Rechte und Pflichten er im Staate besitze. Die einen wollten, um mit Treitschke zu sprechen, durch starke Betonung der Pflichten gute »Untertanen« erziehen und die Umsturzgefahr bannen. Die anderen wollten mit Betonung der Rechte die Lust nach mehr erwecken. Ich will hier nur in großen Umrissen andeuten. Gemeinsam bleibt den ganzen Bestrebungen ein parteipolitisches Gepräge: Von den ganz Rückständigen, die das Unmögliche wollten, daß der deutsche Staat immer in der gleichen Form erscheinen solle, bis zu jenen Phantasten, die in der Zertrümmerung der Form ihr Ziel sehen, konnte man immer den gleichen Grundfehler beobachten: Sie setzten die Form für den Staat. Dazu kamen jene, die mit geschichtlichen und erdkundlichen Kenntnissen dem deutschen Staatsbürger auf die Beine helfen wollten, ganz verkennend, daß nicht seine Kenntnisse, sondern die Gesinnung den Menschen zum Staatsbürger macht, daß also gerade hier die Steigerung der Kenntnisse zum Erlebnis unumgänglich notwendig ist.
Wir befinden uns im Brennpunkt des Fragenkreises, den ich angeschnitten habe. Um das empfinden zu lassen, möchte ich zwei kleine Geschichten erzählen: Nicht lange vor dem Kriege fuhr ein Deutscher nach Ostafrika. Auf dem Schiff reiste auch der Bruder eines in der Kolonialgeschichte bekannten Engländers mit. Wie nun die Fahrt durch den Suezkanal ging, da fragte der Engländer den Deutschen – und zwar vollkommen im Ernst –, auf welcher Seite Ägypten läge. Dies ist die eine Geschichte; nun die andere: Vor einiger Zeit teilte ein Buchhändler in Deutschböhmen im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die beschämende Tatsache mit, daß viele Reichsdeutsche in den Aufschriften der Briefe die deutschen Ortsnamen Böhmens tschechisch schrieben, obwohl selbstverständlich nur für den tschechoslowakischen Inlandsverkehr tschechische Aufschrift Gesetz sei, weil ja z. B. auch Engländer und Franzosen kein Tschechisch können.
In diesen beiden Geschichten hat man die Erläuterung dafür, was ich von der deutschen Erziehung zum Staatsbürger halte: Man hat bei uns so gute Kenntnisse, daß man z. B. Praha für Prag schreiben kann, aber nicht einmal so viel staatsbürgerliche Gesinnung, daß man die unserem Staate ferngehaltenen Volksgenossen in ihrem Kampf um die Heimkehr zu uns unterstützt; ja, man fällt ihnen sogar in den Rücken! Auf der andern Seite sehen Sie den Engländer mit seiner uns unbegreiflichen geographischen Unbildung; glauben Sie aber, daß er jemals zu solcher staatsbürgerlicher Gesinnungslosigkeit fähig wäre wie jene nochmal so gescheiten Deutschen? Dabei handelt es sich bei jenen Deutschen um Kaufleute, nicht um bewußt »vaterlandslose Gesellen«.