Ich glaube deutlich gemacht zu haben, was ich unter einem Staatsbürger verstehe: Ich verstehe darunter einen Menschen, der von den Lebensnotwendigkeiten seines Staates überzeugt ist. Der rücksichtslose Kriegsgewinnler und der Flaumacher passen sowenig unter diesen Begriff wie der Überläufer und der Meuterer. Ich erwähne dies, um zu zeigen, daß in Augenblicken der äußeren Gefahr für den Staat die Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten gar nicht so große Kenntnisse erfordert; je mehr wir uns aber auf das Gebiet der inneren Staatsentwicklung begeben, desto größer werden die Anforderungen an die Gesinnungstüchtigkeit und naturgemäß müssen deshalb bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Stützen der Gesinnung hier besonders kräftig sein.
Schon vor dem Krieg hatte man erkannt, welche Kräfte man diesem Zwecke dienstbar machen könne und müsse; der einschlägige Artikel in dem 1912 erschienenen Handbuch der Politik betont, daß man sich an den Verstand durch Vermittlung von Kenntnissen, an das Gefühl durch Weckung des Gemeinschaftsgefühls und an den Willen durch Stärkung des Verantwortungsgefühls wenden müsse. Man beging aber dabei zwei Grundfehler: Man dachte viel zu sehr an Menschen, die bis zu einem gewissen Grad schon eine günstige Einstellung zum Staatsgedanken mitbrachten, und glaubte deshalb der Schule, vor allem dem höheren Schulwesen die Hauptaufgabe zuweisen zu können. Zweitens aber war man sich nicht genügend klar darüber, daß die Willensbildung eben schon über die Erziehung hinausführt. Gehorsam und die Bereitschaft sich unterzuordnen sind häufig nur die Folge von Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit, werden sie aber von einzelnen schon bewußt und mit innerer Überzeugung dem Staate entgegengebracht, so haben wir das Gebiet der Erziehung verlassen und stehen mitten in der Selbstbildung.
Damit sind wir an der Stelle angelangt, an der über die politische Bildung gesprochen werden muß. Politik ist Kunst und Bildung ist nach Humboldt jene »Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und den Charakter ergießt«. Es hieße blind sein, wenn man Anforderungen, wie sie nach solcher Deutung die politische Bildung erfordert, der Gesamtheit eines Volkes zumuten wollte. Die politische Bildung ist Sache der geistig und sittlich Starken; sie müssen das Streben haben, über den Untertan- und Staatsbürgerbegriff hinauszukommen, wie ihn Treitschke gibt; hier handelt es sich nicht mehr nur um Rechte und Pflichten; hier kommt die Bildung des Willens zur Einordnung allein nicht mehr in Frage; gestaltender Wille, der zur politischen Tat befähigt, ist hier die Losung. »Ehrgefühl, Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit, das lernt man nicht aus Büchern«, sagt Spengler und ich setze hinzu: überhaupt nicht durch Worte. »Es wird«, fährt Spengler fort, »im strömenden Dasein geweckt durch ein lebendiges Vorbild«[1]. Ja, nur das Vorbild kann hier wirken und dieses bildet sich selbst, aus eigenem Willen und eigener sittlicher Kraft.
Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche fehlte, war unser Unglück. Muß das bewiesen werden? Man denke an die Gesinnung des Volkes zu Beginn des Krieges und man wird nicht leugnen, daß wir damals »Staatsbürger« genug hatten, der Mangel an politischer Bildung aber hat dieses Staatsbürgertum zum Weißbluten gebracht, ohne daß es zur politischen Tat gekommen wäre; man verzettelte die Kräfte innen- und außenpolitisch auf schlecht erdachte Einzelziele, ohne sie so umzuformen, daß politische Leistung hätte erzielt werden können. Erinnert sei hier an die Polenpolitik und an den Burgfrieden des Kanzlers, deren Folgen der Verlust deutschen Landes einerseits, der Umsturz andrerseits war.
Nach meiner Meinung mit einem gewissen Recht wird von manchen Seiten heute betont, daß alle jene Männer der Kriegszeit, die nun mit großen Mitteln Kritik an der politischen Leitung während des Krieges üben, mit ihrer Kritik sich selbst treffen. Sie hätten sich durchsetzen müssen, wenn in ihrem Innern jenes Bild vom deutschen Staate so klar war. Sie taten es nicht und bewiesen eben deshalb, daß sie nicht stark genug waren. Das ist die Schuld der Vielen, die das Verhängnis erkannten: Sie setzten sich nicht durch.
Gewiß war es ein guter Gedanke, durch staatsbürgerliche Erziehung im Heere die Stimmung zu heben, doch fehlte es an den politisch Gebildeten, die Kraft genug hatten, dem ausgesogenen Boden neue Kraft zu geben, von dem Mangel an lebendigen Kräften gegen die unwiederbringlich verlorene Stimmung der Heimat ganz abgesehen. Das »schuldig«, das die Weltgeschichte über Deutschland sprach, trifft uns alle, nicht nur einen Teil des Volkes.
So erfüllte sich das Schicksal des deutschen Staates; er brach zusammen, in dem Augenblick, als auch bei den Feinden die innere Kraft trotz der Amerikahilfe im raschen Abnehmen war. Ja, der Staat brach so zusammen, daß nicht einmal die Eckpfeiler für den Neubau stehen blieben. Man baute aus Dachpappe der Weimarer Fabrik eine Baracke. Trotz aller Flickerei weht der geringste Wind durch die Wände und an mehr als einer Stelle regnet es herein. Dann lachen immer die, welche schon im alten Staatsgebäude keine rechte Wohnung hatten, sondern nur im Hofe biwakierten, und die anderen drängen sich scheu in bessere Ecken. Das wird so lange dauern, bis Leute aufstehen, die mit klarer Zielstrebigkeit die formlosen Haufen zur Arbeit am Neubau treiben. Das wird dann sein, wenn das Schicksal und nicht der Schulmeister die Masse zu staatsbürgerlicher Gesinnung erzogen hat, so daß politische Bildung der geistig Hochstehenden zu klarem Führerwillen aufsteigen kann. Wir hoffen auf diese Zeit und glauben nicht, daß unser Volk durch den Zusammenbruch des alten, schönen, vielgeliebten Hauses zugrunde geht. Wir haben die feste Zuversicht, daß ein geräumiges Gebäude entstehen wird, in dem alle Deutsche Platz haben werden, daß die Mauern stark sein werden und daß das Haus von jenem Geist erfüllt sein wird, in dem so viele draußen ihr Leben geopfert haben.
Aber es wäre kläglich, wenn wir uns darauf beschränken wollten zu warten, bis sich das Schicksal, das wir erhoffen, von selbst erfüllt. Die Zuversicht muß uns die Kraft geben, selbst gestaltend mitzuwirken, jeder an seiner Stelle. Ein »Gebildeter« muß die Entschlußkraft haben, sich aus der Menge loszuringen; er darf sich nicht treiben lassen, sondern muß sich zu eigenem politischen Wollen durchringen. Ein politisch Lied mag ein garstig Leid sein, die wirklich staatsgestaltende politische Tat gehört zum Höchsten, was der Mensch leisten kann, denn bei ihr spannt er seinen Willen nicht für seine persönlichen Zwecke, sondern für die der Gesamtheit an.
Wenn man aber fragt, in welcher Richtung diese Willensanspannung nach meiner Meinung zu gehen hat, dann kann ich allen, die der staatsbürgerlichen Erziehung entwachsen sind, nur sagen, daß es nun heißt, sich politische Bildung zu erwerben. Man frage nicht nach einem Programm hiefür, denn »alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden«, wie Goethe sagt. Wirkliche Bildung kann sich jeder nur selbst erwerben, von außen kann er nur Erziehung erhalten. Diese hat aber ihr Teil geleistet, wenn sie die staatsbürgerliche Gesinnung erreicht hat, die über alles Parteigezänk hinausführt zu der Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten des Staates. Heute haben wir Deutsche keinen Staat, er ist heute nur Ziel, das jede Partei mit anderen Farben ausmalt; die Höhe der politischen Bildung bestimmt, welche Form der einst entstehende Staat haben wird. Erinnern wir uns nochmals, daß Politik Kunst und daß Bildung ein Begriff von hoher sittlicher Größe ist, und wir werden uns durch das Schlagwortgetöse der Zeit hindurchfinden, denn noch nicht trat bisher der alle Deutsche umfassende Staat, den unsere Besten erhofften, in die Erscheinung, noch immer kreisen die Raben um den Berg, obwohl die Zahl der Opfer für diese Zukunft ins Riesenhafte gewachsen ist.
Halten wir daran fest, daß Bildung ein Werden aus eigenem Willen ist und daß somit wahre Erziehung nichts Besseres leisten kann als eben jenen Willen zu stählen, so gewinnen wir auch eine andere Einstellung zur Sehnsucht der Zeit, ja nicht nur zur Sehnsucht, sondern auch andrerseits zur Furcht der Zeit.