Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen, und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein, wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen diesen Knüttel.«
Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. — Jammerschade, daß in unsern Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.
12. Die Galgenmännlein.
Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben seinen andern Geschäften auch die Verpflichtung übernehmen sollte, allmitternächtlich die Kirchenglocke zu läuten. Zwar hatten schon viele und zum Theil sehr brauchbare Männer den Dienst angenommen, allein sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nächtliche Läuten zu besorgen, waren sie plötzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu hören, und kein Glöckner kam zurück. Der Prediger hielt die Sache sehr geheim, aber das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch allmählich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.
Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schüttelten die Leute den Kopf, und es fehlte auch nicht an bösen Zungen, welche aussprengten, daß der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkündet: »Ich brauche einen tüchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute Nahrung u. s. w.« — es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten. »Ganz wohl, mein Sohn,« sagte der Prediger: »wenn es dir an Muth und Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein Probestück ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag abschließen.«
Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward immer verdrießlich, wenn das Gesinde zu viel aß, deßhalb kam er meist während der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute würden in seiner Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flüssiges Einer im Magen habe, desto weniger Platz werde für Brot und Zukost übrig bleiben. Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug und sagte: »Das macht noch einmal so viel Platz für die Speise.« Der Prediger wähnte, daß sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte innerlich, daß ihm das Schelmstück gelungen war.
Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier zusammengeführt hatte. Die Leute saßen um einen langen Tisch und spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon verspürte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer derselben bemerkte ihn und fragte: »Freundchen, was hast du hier zu suchen?« Hans sah ihn eine Weile groß an und sagte dann lachend: »Du Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines Rechtes nicht bediene, so wäre es für euch gewiß das Gescheuteste, euer vorlautes Maul zu stopfen!«
Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten Männern, als wären es seine besten Freunde. Er hatte viel Glück, denn sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner Mitspieler die Taschen geleert. Da hörte man einen Hahnenschrei, Mitternacht mußte angebrochen sein, plötzlich erloschen die Lichter und im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bänken verschwunden. Hans mußte in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den Eingang zur Thurmtreppe fand.