Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten Stufe ein Männlein sitzen, dem der Kopf fehlte. »Hoho, mein Kleiner, was hast du hier zu suchen?« fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die Antwort abzuwarten, einen so derben Fußtritt in den Nacken, daß das Männlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und vierten Treppe fand er eben solche stumme Wächter, und ließ sie einen nach dem andern hinunterpurzeln, daß ihnen alle Knochen im Leibe knackten.

Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um sich zu überzeugen, daß Alles in gehörigem Stande sei, erblickte er noch ein kopfloses Männlein, das zusammengekauert in der Glocke saß. Es hatte den Glockenklöppel losgemacht und schien darauf zu warten, daß Hans den Glockenstrang anzöge, um ihm dann den schweren Klöppel auf den Kopf zu schmeißen, was dem Glöckner sicher den Tod gebracht hätte.

»Halt, Freundchen!« rief Hans — »so haben wir nicht gewettet. Du hast wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen Beinchen zu bemühen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am höchsten sitzest, sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke hinauswerfen, daß dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.«

Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Männlein erkannte die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: »Brüderchen! schone mein armes Leben! Dafür will ich dir fest versprechen, daß weder ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nächtlichen Läuten stören sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer weiß, ob es sich nicht einmal fügt, daß ich dir für deine Wohlthat mehr erstatten kann, als einen Bettlerdank.«

»Du winziger Knirps!« lachte Hans. »Deine Dankesgabe wird eine Mücke auf ihrem Schwanze fortbringen können! Aber da ich heute gerade bei guter Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hüte dich, mir wieder in die Quere zu kommen, ich möchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir spaßen.« Das kopflose Männlein dankte demüthig, kletterte wie ein Eichhörnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe herunter, als hätte es Feuer in der Tasche. Hans läutete jetzt nach Herzenslust.

Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hörte, verwunderte er sich und war froh, daß er doch endlich einen Knecht gefunden, der das Probestück glücklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.

Der Pfarrer pflegte früh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun Mittmorgen[63] vorüber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders, als daß der Glöckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgänger. Als aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen wurde, kam auch Hans zum Vorschein. »Wo bist du den ganzen Vormittag gewesen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe geschlafen,« antwortete Hans gähnend.

»Geschlafen!« rief der Pfarrer erstaunt. »Du wirst doch nicht meinen, daß du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?«

»Ich meine,« erwiederte Hans, »das ist so klar wie Quellwasser. Niemand kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der muß am Tage schlafen, so wie für den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist. Nehmt mir das nächtliche Glockenläuten ab, so bin ich bereit, mit Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke läuten soll, so muß ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis Mittag.«

Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich über folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nächtlichen Läuten befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. »Aber,« sagte der Pfarrer, »bisweilen könnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit würde dann länger dauern.« —»Mit nichten,« rief Hans, — »dafür sind im Sommer die Tage wieder lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin, nämlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.«