Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer großen Kindtaufe zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof, dennoch nahm Hans den Brotsack mit. »Weswegen thust du das?« fragte der Prediger, »wir werden ja zum Abend in der Stadt sein.« Hans antwortete: »Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was unsere Fahrt verzögert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so müßtet ihr schon allein weiter fahren.«

Da der Pfarrer diese Rede für Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort, und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der Wind zusammengeweht hatte, so daß der Weg stellenweise verschüttet war und schnelles Fahren unmöglich machte. Unweit der Stadt mußten sie durch einen großen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf den Wipfeln der Bäume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt für Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich öfter nach der Sonne um. »Warum siehst du so oft hinter dich?« fragte der Pfarrer. »Weil ich im Nacken keine Augen habe,« erwiederte Hans. »Laß jetzt deine Narrenspossen,« sagte der Pfarrer, »und sieh' zu, daß wir in die Stadt kommen, ehe es ganz finster wird.« Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu verlieren, unterließ aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu beobachten.

Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging. Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem Schlitten. »Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du?« fragte der Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: »Ich will mir hier ein Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine Arbeitszeit ist um.« Sein Brotherr that alles Mögliche, er bat und drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. »Schämt ihr euch nicht, Herr Pastor!« sagte Hans —»wollt ihr der Versucher sein und mich vom rechten Wege abbringen, so daß ich gegen die Abmachung handle? Alle Schätze der Welt können mich dazu nicht verlocken; man faßt den Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.«

»Mein lieber Hans, Goldjunge!« sagte jetzt der Pfarrer, »ich darf dich hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit dem Galgen, es hängen zwei Missethäter daran, deren Seelen in der Hölle brennen. Du wirst doch nicht in der Nähe solcher Gesellen die Nacht zubringen wollen?« »Warum denn nicht?« fragte Hans. »Die Galgenvögel hängen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde, da können wir uns einander nichts anhaben.« Mit diesen Worten kehrte er seinem Herrn den Rücken und ging mit seinem Brotsack davon.

Wollte der Pfarrer die Taufgebühren nicht einbüßen, so mußte er allein zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans erzählt hatte, wußten die Leute nicht, wen sie für den größten Thoren halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.

Hansen war es gleichgültig, was die Leute von ihm dachten oder sagten. Mit Hülfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens befriedigt, dann zündete er sich seinen Nasenwärmer (Pfeife) an, machte unter einer breiten ästigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen haben, als ein plötzlicher Lärm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell. Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Männlein unter der Fichte und führten zornige Reden. Hans richtete sich in die Höhe, um besser zu sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Männlein: »Er ist es, er ist es!« Der eine trat dann näher an Hansen's Lager und sagte: »Alter Freund! ein glücklicher Zufall führt uns zusammen. Meine Knochen thun mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die Geschichte nicht vergessen? dafür sollen heute deine Knochen dermaßen bearbeitet werden, daß du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!«

Wie ein dichter Mückenschwarm sprangen nun von allen Seiten die kopflosen Männlein herbei, Alle mit tüchtigen prügeln bewaffnet, die größer waren als ihre Träger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte Gefahr, denn ihre Schläge fielen so hart, daß ein starker Mann kaum bessere hätte führen können. Hans glaubte, sein letztes Stündlein sei gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand leisten. Sein Glück war es, daß gerade, als das Prügeln im besten Gange war, noch ein Männlein dazu kam. »Haltet ein, haltet ein, Kameraden!« rief er den Seinigen zu. »Dieser Mann war einst mein Wohlthäter und ich bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist doch glücklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die zerschlagenen Glieder längst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und geht nach Hause.«

Die kopflosen Männlein ließen sich leicht durch ihren Kameraden beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem Retter den nächtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: »Damals verlachtest du mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir nützlich werden könnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun eingetreten, und daraus lerne, daß man auch das kleinste Geschöpf auf der Welt nicht verachten darf.« »Ich danke dir von Herzen,« sagte Hans — »meine Knochen sind von ihren Schlägen wie zermalmt, und ich hätte das Bad leicht mit dem Leben bezahlen können, wenn du nicht zu rechter Zeit dazu gekommen wärest.«

Das kopflose Männlein fuhr fort: »Meine Schuld wäre jetzt getilgt; aber ich will mehr thun und dir für die erhaltenen Schläge noch Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht länger als Knecht bei einem geizigen Pastor zu quälen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so geh' gleich zur nördlichen Kirchenecke, da wirst du einen großen Stein eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getüncht ist. Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem Steine wirst du einen unermeßlichen Schatz finden, an dem viele Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengeräthe und sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte, vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele weiß jetzt um die Sache. Ein Drittel des Geldes mußt du unter die Kirchspiels-Armen vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du verfahren kannst, wie es dir beliebt.« In diesem Augenblicke hörte man aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und plötzlich war das kopflose Männlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern nicht einschlafen und dachte viel über den verborgenen Schatz; erst gegen Morgen verfiel er in Schlummer.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt zurückkam. »Hans, du warst gestern ein großer Thor, daß du nicht mit mir fuhrst,« sagte der Pfarrer. »Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken und überdies noch Geld in der Tasche.« Indem er so sprach, klapperte er mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber erwiederte ruhig: »Ihr, geehrter Herr Pastor, habt für das Bischen Geld die Nacht wachen müssen, während ich im Schlafe hundertmal mehr verdient habe.« »Zeige mir doch, was hast du verdient?« fragte der Prediger. Aber Hans antwortete: »Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen verstecken ihre Rubel.«