Nach Ablauf des Trauerjahres ließ der junge König verkünden, daß er entschlossen sei, sich zu vermählen. Es wurden deswegen von nah und fern alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Königs geladen, damit derselbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau wählen könne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Töchter der Dame, bei welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blühend waren, rüsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Fräulein zu thun. In dieser Zeit träumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter käme an ihr Bett und sagte: »Schmücke erst deine Fräulein zum Feste, und dann folge selber nach. Keine kann dort so schmuck und so schön sein wie du!« Je näher der Tag des Festes heranrückte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Muthe, und als die Frau mit ihren Töchtern davon gefahren war, warf sie sich mit dem Gesicht auf's Bett und vergoß bittere Thränen. Da war's, als ob ihr eine Stimme zurief: »Nimm dein Körbchen zur Hand, dann wirst du Alles finden, was du brauchst.« Dotterine sprang auf, nahm das Körbchen aus dem Busen, sprach darüber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte, und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte Gewänder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie ihr früheres Ansehen wieder, und als sie die prächtigen Kleider angelegt hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrack sie selber über ihre Schönheit. Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Thür eine stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so daß sie in weniger als einer Stunde vor der Pforte des Königshauses angelangt war. Als sie eben aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, daß sie beim raschen Ankleiden das Glückskörbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt beginnen? Schon entschloß sie sich zurückzufahren, als eine kleine Schwalbe mit dem Körbchen im Schnabel an's Kutschfenster geflogen kam. Erfreut nahm ihr Dotterine das Körbchen aus dem Schnabel, steckte es in den Busen und hüpfte leicht wie ein Eichhörnchen die Treppe hinauf.
Im Festgemach funkelte Alles von Pracht und Schönheit, die vornehmen Fräulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der Hoffnung, daß des jungen Königs Auge auf sie fallen würde. Als aber plötzlich die Thür sich öffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der Andern Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so daß der Königssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ältere Personen, die sich noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der König mit seiner später verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander: »Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein, welche bei unseres alten Königs Tochter Gevatter stand.« Der König kam Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kümmerte sich nicht um die übrigen Gäste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war plötzlich wie in Wolken gehüllt, so daß man weder den Glanz der Lichter noch die Menschen sah. Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Könige: »Das Mädchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester, welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo die Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht deine Schwester, sondern eines weit entfernten Königs Tochter, welche ich aus der Verzauberung erlöste, und deiner verstorbenen Mutter zur Pflege übergab.« Dann krachte es, daß die Wände zitterten, und in demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne daß jemand sah, wo sie hingekommen war. Der junge König ließ sich am folgenden Tage mit Dotterinen trauen, worauf eine prächtige Hochzeitsfeier folgte. Der König lebte mit seiner Gemahlin sehr glücklich bis an sein Ende, aber Niemand hat je gehört, wohin das Glückskörbchen gekommen ist. Man meint, die Taufmutter habe es heimlich mitgenommen, als sie ihre Pathe das letzte Mal gesehen.
Anmerkungen
von
Reinhold Köhler und Anton Schiefner.
1. Die Goldspinnerinnen.
Wie S. [10] eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkräuter zur Verfertigung des Hexenknäuels gebraucht wird, so kömmt S. [243] ein Trank aus neunerlei Kräutern vor, wovon ein Jüngling drei Tage hinter einander neun Löffel täglich erhält. S. [246] wäscht sich die Höllenjungfrau neun mal ihr Gesicht in der Quelle und umwandelt sie neun mal. S. [262] neun Kinder. Die Heiligkeit und die häufige Anwendung der Neunzahl ist bekanntlich uralt und weit verbreitet, namentlich auch bei den finnisch-tatarischen Völkern. Vgl. Ph. J. v. Strahlenberg Das Nord- und Ostliche Theil von Europa und Asia, Stockholm 1730, S. 75-82, und Schiefner Die Heldensagen der Minussinschen Tataren S. XXIX. Auch in den in neuster Zeit von W. Radloff gesammelten Proben der Volksliteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens begegnet die Neunzahl sehr oft. Was insbesondere die neunerlei Kräuter betrifft, so erwähnt Strahlenberg S. [78], daß die Bauern in Liefland »gemeiniglich neunerlei Kräuter zu ihren Arzenei-Getränken gebrauchen.« Auch im deutschen Aberglauben spielen die neunerlei Kräuter eine wichtige Rolle (A. Wuttke Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. völlig neue Bearbeitung, Berlin 1869, §. 120, vgl. auch §§. 74, 85, 92, 253, 495, 528, 683). K.