So rief der alte Held aus aufgeregter Seele;
Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.
Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;
Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.
Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren;
Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.
Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus,
Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!
Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,
Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen.
Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag,
Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag.
Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze,
Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze;
So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;
So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen,
Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.
Sie dachten an den Feind und an den König nicht,
Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.
Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken,
Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken.
Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne;
Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.
Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,
Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.


49.

Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig
Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus;
Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!
Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;
Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!
Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;
Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen!
Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen.
Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,
Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!
Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken
Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!
Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!
Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann.
Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben,
Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben.
Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen
Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen.
Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab,
Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab
Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab!
So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;
Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider
Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder.
Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,
Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken.
Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag;
Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag,
Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.
Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab
Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.


50.

Des andern Morgens trat der Bote reisefertig
Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach
Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach.
Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!
Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld!
Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding;
Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.
Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten
Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.
Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer,
Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.
Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen,
Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen.
Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen?
Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen;
Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.
Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden!
Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden.
Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist
Durch Rostems Macht allein in Iran König ist.
Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ,
Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß.
Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;
Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.
So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk
Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.
Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,
Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch.
Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,
Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.
Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke,
Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke.
Er übersah mit einem Blick die starke Schar,
Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war.
Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war
Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.


51.

Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;
Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:
Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.
Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,
Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß,
Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß.
Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross,
Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß.
Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen
Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen.
So traten sie im Chor dort in die offne Halle
Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.
Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt,
Saß droben Keikawus finster und ungeneigt.
Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,
Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;
Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß,
Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ:
Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde
Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde?
Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen
Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.
Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon,
Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn!
Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,
Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr.
Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen,
Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen.
Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand
Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.
Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,
Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:
Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter!
Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!
Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!
Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort!