45.

Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,
Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;
Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel!
Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel.
Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen!
Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen!
Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags!
Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags!
Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;
An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;
Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,
Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot.
Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast,
Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.
Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte
Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte;
Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,
Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot.
Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,
Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;
Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.
Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:
Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!
Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross
Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß.
Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher,
Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher.
Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?
Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!
Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,
Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.


46.

Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr,
Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.
Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe
Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.
Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer
Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.
Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;
Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.
Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,
An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.
Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,
Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;
Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.
Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,
Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.
Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,
Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;
Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.
Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,
Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,
Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,
Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,
Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!
Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn
Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,
Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.
„Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan“
Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.
Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,
Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,
Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme!
Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,
Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen,
Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen!


47.

So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,
Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.
Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast
Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast.
Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:
Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht!
Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,
Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?
Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,
Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen?
Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor,
Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?
Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,
Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann,
Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!
Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen,
Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.
Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen;
Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.
Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?
Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus.
Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen;
Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen.
Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen,
Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.
Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,
Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,
Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.
Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,
Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!
Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;
Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub!
Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!
Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.


48.