42.
So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort
Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:
Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen
Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen,
Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;
Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:
Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.
Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt
Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt.
Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;
Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!
Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!
Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!
Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen,
Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen.
Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild
Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.
Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au
Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau!
Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn
Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!
Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,
In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.
Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,
Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen!
So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach
Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.
Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,
Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen!
Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein!
Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein!
Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,
Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.
[Fünftes Buch.]
43.
Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief
Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.
Der König, als er nun den Brief las, und vernam
Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.
Darauf er seines Heers Gewaltige berief,
Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.
Sie saßen um den Schah von Iran alle her,
Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.
Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle
Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:
Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.
Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,
Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:
So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm
Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm.
Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt,
Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt.
Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen.
Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!
Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben
Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?
Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,
Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält,
Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen
Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?
Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein:
Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.
Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;
Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!
Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen
Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.
44.
Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,
Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:
Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan!
Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!
Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,
Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen.
Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme;
Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,
Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.
Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,
Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält,
Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen
Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen,
Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben
Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben.
Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,
Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,
Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein.
Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,
Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;
Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung!
Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!
Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!
Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder
Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!
Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht
Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!
Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß!
Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!
Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei
Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!