39.
Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir
Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!
Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;
Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?
Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;
Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.
Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier
Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.
Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,
Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;
Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.
Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,
Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:
Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,
Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,
Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest
Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,
Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?
Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!
Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.
Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,
Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.
Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;
Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!
Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.
Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;
Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.
Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz
Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.
Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;
Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.
Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,
Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;
Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:
Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! –
Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,
Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,
Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.
40.
Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher,
Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.
Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er.
Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer.
Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;
Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.
Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken,
Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.
Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke,
Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,
Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke.
Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch
Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!
Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,
Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen.
Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,
Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.
Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen,
Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen.
Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein
Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.
Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen,
Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen.
Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz
Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz.
Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte,
Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte.
Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte,
Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.
41.
Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann
Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:
Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht
Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!
Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält,
Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt.
Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos
Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.
Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,
Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz.
Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,
Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.
Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint
Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint.
Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,
Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.
Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,
Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke!
Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand
Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.
Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel
Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.
Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn;
Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?
Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!
Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen!
Was überlieferst du in Blindheit und Betörung
Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung?
Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl
Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl!
Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl!
So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten
Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.