Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,
Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.
Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,
Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden.
Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,
Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.
Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant,
Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.
Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen;
Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen!
Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?
Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf!
Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein;
Drin unter Hunderten was wolltest du allein?
Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,
Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen.
Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,
Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!
Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,
Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?
Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen,
Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen!
Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun
Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.
Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.
Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis;
Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis;
Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte,
Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.
Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,
Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.
Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig,
Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.
36.
Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht,
Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not.
Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,
Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,
Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach,
Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach:
Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge
Von einem Türkenheer in ungezälter Menge.
Doch all den andern geht ein junger Fant voran,
Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.
Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt,
Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt.
Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,
So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.
In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner
Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,
An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.
Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme.
Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir
Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier.
Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück;
Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück.
Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant
Der junge Elefant allein ins Tor gerant.
Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß,
Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß.
Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;
Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft.
Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht:
Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht.
Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei,
Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.
Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,
Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.
37.
Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief
Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.
Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,
Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,
Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,
Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,
Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,
Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.
Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,
Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.
Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,
Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.
Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,
Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.
Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,
Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!
Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,
Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.
Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,
Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;
Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.
Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,
Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.
Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen
Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?
Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort
Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.
38.
Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,
Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;
Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:
Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.
Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;
Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.
Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,
Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;
Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,
Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.
Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,
Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.
Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,
Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:
So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder
Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,
Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.
Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,
Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.
So traurig sank er nun herab vom hohen Baume
Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;
Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.
Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,
Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?
Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?
Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!
Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?
Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,
Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.
Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,
Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! –
Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;
Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?