32.

Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,
Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,
Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut
Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.
„Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,
So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt;
Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!
Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir;
Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier.
Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen
Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?
Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile,
Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?
Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück,
Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?“
Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben;
Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.
Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,
Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;
Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.
Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge,
Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe!
Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde
Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde.
Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross,
Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.


33.

Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,
Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.
Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat
Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!
Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang,
So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang!
Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid,
Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid.
Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,
Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen.
Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;
Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch.
Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen
Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen.
Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe,
So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe.
Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen;
Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen.
Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;
Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut.
Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,
Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert.
Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen,
Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen.
Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,
O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.
Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;
Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.
Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen;
Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.


34.

Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;
Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,
Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort;
Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.
Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab
Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab.
Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld;
Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held.
Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus!
Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus!
Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert;
Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert.
Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;
Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.
Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken,
Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken!
Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben,
Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben.
Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,
Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.
Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,
Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor!
Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;
Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!
Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn,
Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün!
So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag
Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag.
Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim
Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.


35.