29.
Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,
Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.
Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,
Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,
Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind
Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.
Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,
Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;
Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,
Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.
Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;
Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.
Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,
Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.
Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,
Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.
Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,
Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.
Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;
Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.
Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen,
Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.
Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;
Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.
Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht
Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
30.
Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,
Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.
Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,
Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!
Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun
Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!
Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier
Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?
Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne
Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!
Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!
Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.
Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;
Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!
Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,
Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.
Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;
Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.
Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,
Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,
Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,
In Männermitte wie im Thierechor der Leu!
Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,
Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!
Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,
So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.
Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,
Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!
Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!
Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.
Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei
Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
31.
So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;
Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,
Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,
Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.
Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,
Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.
Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,
Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.
Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;
Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.
Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,
Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.
Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,
Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,
Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!
Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann
Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.
Was haben sie solang einander zu berichten?
So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.
Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir
Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!
Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,
Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;
Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.
Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,
Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,
Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.
Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein
Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.