26.
Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß,
Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.
Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken,
Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken.
Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,
Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei:
„Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt?
Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt?
Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;
Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!
Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,
So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.
Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,
Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!
Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;
Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut?
Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?“
Vom stolzen Lager war gehört die Forderung,
Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.
Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge
Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!
Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden;
Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen.
Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk,
Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk.
Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not
Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot!
So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;
Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.
27.
Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan;
Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.
So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier
Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.
Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,
Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;
Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,
Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.
Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not,
Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod.
Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,
Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten.
Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne
Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne?
Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!
Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,
Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.
So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,
Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!
Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort
Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:
Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.
Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne
So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.
Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden
Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
28.
Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann
Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.
Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,
Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.
Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,
War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.
So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,
Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;
Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,
Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:
So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,
Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.
Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,
Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;
Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.
Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,
Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.
Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,
Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen,
Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:
Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?
Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.
Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,
Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;
Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.
In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?
Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.
Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,
Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.
Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,
Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!