Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!
Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will.
Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu,
Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu.
Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen
Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen.
Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer,
Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer;
Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,
Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.
Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter
Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.
Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen,
Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen.
Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut,
Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut!
So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;
Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne:
Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.
Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen,
Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.
Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,
Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut.
Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,
Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.
Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen,
Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen.
Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht,
Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!
So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt,
Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.


23.

Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf
Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.
Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,
Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.
So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,
Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht.
Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft;
Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.
Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende,
Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.
Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,
Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.
Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück;
Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück.
Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,
Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.
Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust;
Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.
Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm
Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!
Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach,
Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!
Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!
Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden.
Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!
Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.
Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?
Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!


24.

Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;
Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben.
Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe,
Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre.
Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,
Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.
Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,
Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.
So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,
Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.
Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,
Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.
Er war in Eile dem ihm von Afrasiab
Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;
Und war nur eben recht gekommen um zu sehn
Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.
Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,
Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.
Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,
Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.
Im Lager aber war von Türken alt und jung
In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.
Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,
Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.
Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,
Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.
Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,
An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.


25.

Von Siegesfreude war das Türkenlager voll,
Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.
Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib
Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.
Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,
Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.
Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach
Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;
Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!
Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.
Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!
Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.
Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache
Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache.
Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe,
Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe?
Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann,
Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!
Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,
Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.
So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern;
Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern!
Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;
Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus.
In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,
Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.
In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf,
Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf.
Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,
Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.