Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman
Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran,
Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge,
Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge.
Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er
Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater.
Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind;
Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind.
Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder,
Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder.
Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung,
Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung.
Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden
Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden.
Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat,
Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat.
Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms
Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums!
Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue,
Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue.
Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland,
Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand.
Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind;
Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind!
Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief,
Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief;
Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast
Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast.
„Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause,
Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause.
Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus;
Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.“
Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger,
Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger.
Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur;
Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur,
Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.
[Drittes Buch.]
20.
Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land,
Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,
Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte,
Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.
Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter,
Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter;
Der alte, daß er es behütete mit Rat,
Der junge, daß er es verteidigte mit Tat.
Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen,
Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.
Die hieß Gurdaferid, das heißt „ein Held geschaffen“,
Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.
Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele
Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele;
Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie
Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.
Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene,
Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.
Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah
Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,
Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,
Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild.
Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,
Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.
Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor
Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.
Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,
Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.
21.
Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei,
Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei:
Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?
Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?
Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,
Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt.
Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen
Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen?
Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!
Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,
Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.
Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand,
Die erste Waffentat zu thun im Perserland.
Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,
Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da.
Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,
So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.
Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir:
Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?
Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen?
Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.
Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,
Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.
Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,
Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei.
Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;
Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß.
Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!
Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.