55.

Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen,
Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,
Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;
So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:
O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;
Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.
Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,
Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.
Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach
Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!
Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;
Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:
Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.
Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen
Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?
Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein
Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,
Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner
Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,
Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast
Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!
Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,
Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!
Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,
Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!
Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,
Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,
Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen
Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!
Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,
Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,
Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;
Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.
Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,
Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.


56.

So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam
Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam.
Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort
Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.
Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen
Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen.
Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,
Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!
Mit großer Freude nam Guders das gute Wort;
Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort
Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig
Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.
Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn;
Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.
Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut
Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.
Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben;
Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben.
Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen,
Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.
Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet,
Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet,
Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet,
Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!
Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,
Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.
Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen,
Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen!


57.

Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht
Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.
Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen,
Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen,
Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar;
Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar.
Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,
Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;
Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:
Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;
Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen!
Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,
Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;
Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen,
Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen;
Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen,
Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen,
Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen!
Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen,
Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen?
Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt,
Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;
Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.
Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,
Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut;
Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut!
Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!
Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen;
Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,
Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand,
Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?
Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.
Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;
Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen
Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden!
Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,
Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.