58.

Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!
Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.
Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,
Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;
Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.
Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin
Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.
Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!
Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!
Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder
In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder
Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut;
Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.
Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt,
Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt.
Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot
Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot?
Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;
Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan
Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;
Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen
Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen.
Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz
Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,
Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen
Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen:
Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?
Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran
Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an?
Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,
Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.
Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang
Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.
Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,
Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut.
Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt.
Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,
Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht.
Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht!


59.

Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?
Und also sendest du mich und die Fürsten fort?
Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?
Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?
Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu;
Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu.
Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu.
Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?
Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?
Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner
Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,
Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?
So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang
Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!
Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,
Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut!
Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt!
Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,
Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht!
Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede
Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?
Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,
Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!
Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand,
Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land.
Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,
Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?
Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,
Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb!
Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann:
Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.
Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,
Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.
Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf,
Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf.


60.

Zu Hofe führten sie im Zug den Pehlewan,
Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan.
Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn,
Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn.
Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben;
Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben.
Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam,
Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam.
Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken;
Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken.
Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt;
Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt.
Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere,
Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere.
Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab;
Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab.
Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron;
Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon;
Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn.
Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn;
Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn.
In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen;
Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen.
Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan,
Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan.
So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt
Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt.
Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht;
Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht,
Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn,
Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn.
Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung,
Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung.
Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn,
So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn.


61.