Zu Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan!
Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan!
Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer,
Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer!
Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun,
Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun.
Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe?
Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe?
Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast?
In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast.
Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand,
Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand.
Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich,
Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich.
Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag?
Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag!
Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken;
Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken!
Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein,
Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein.
Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du
Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh.
Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug
Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug.
Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein!
Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein.
Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage,
Und feiern im Gelag heut seine Niederlage.
So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht
Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht.
Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal,
Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal.
62.
So saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus;
Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus,
Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief,
Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief.
Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam,
Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram,
Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern
Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern,
Das war so traurig anzusehn als jenes froh;
Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh.
Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund
Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund!
Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte,
Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte.
Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage,
Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage.
Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost
Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post.
Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus
Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus.
Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht
Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht.
Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang
So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang.
Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder
Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder.
Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann,
Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann.
Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein,
Willkommen überall, beliebt wars allgemein.
Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht
Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht.
63.
Sie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken,
Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken.
Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier
Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier;
Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche
Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche:
Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall,
Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall.
Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei,
Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei.
Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar
Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar.
Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein;
Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein.
Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus,
Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus.
Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar,
Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war.
Er freute sich des unzählbaren Heergedränges,
Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges.
Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar,
Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war.
Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang,
Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang.
Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe,
Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe.
Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht
In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht.
So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor,
Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr.
So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder,
Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder.
So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere,
Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre.
Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur,
Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur.
So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei
Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei;
Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer
Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer.
So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf,
Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf.