Dem Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam
Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram,
Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange
Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange.
Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit,
Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit.
Er nam den Baruman, der an den Wällen baute,
Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute.
Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar,
Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war.
Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben
Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben;
Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal,
Daß von so vielen er soll haben freie Wal:
So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut,
Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut.
Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein
Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein.
Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz:
Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz!
Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen!
Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen!
Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen
So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen.
Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen,
Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen!
Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört,
Als meinen Namen er in Istachar gehört.
In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft
Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft;
Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden
Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden.
O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht
Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht!
Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht,
Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht!
Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht
Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht!
O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht?
So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte
Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte.


65.

Darauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen,
Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen?
Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut;
O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut!
Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt
Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt.
Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar
Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar.
Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter
Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter.
In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt;
Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt?
Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich,
Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich;
Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann;
Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann.
Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab
Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab!
Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,
In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,
So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle,
Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle!
Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,
Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.
Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt;
Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. –
So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,
In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.
Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,
Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.
Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,
Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben.
Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht,
Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht.
Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam
Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.
Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,
Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern.


66.

In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt
Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt.
Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen
Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.
Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten
Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten,
Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen
In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen.
Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her,
Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.
Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,
Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.
Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach,
Und über allen war des Himmels dunkles Dach.
Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan,
Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan,
Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten,
Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten.
Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben
Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben.
Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei
Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei,
Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang,
Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang.
Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland,
Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand.
Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher
Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher.
Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart;
Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart!
Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide
Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide.
Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein,
Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein.
Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz
Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!


67.

Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart
Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart.
Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück
Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück.
Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich
Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich.
Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam,
Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam.
Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu,
Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu,
Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten
An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten,
Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran,
Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan.
Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind,
Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind.
Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen,
Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen;
Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen.
Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest
Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest.
So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören,
Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören.
Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz,
Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz.
Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt,
Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt.
Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah
Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.