81.

Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen?
Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen!
Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,
Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!
Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!
Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus!
Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt,
Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!
Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben
Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben,
Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter
Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.
Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?
Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?
Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht!
Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?
Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan!
Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:
Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund.
Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,
Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,
Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,
So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut.
So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer,
Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer.
Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest?
Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest?
Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,
Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann!
Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch;
Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!
Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen,
Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen!
Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,
Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll.
Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,
Daß er besinnungslos davon am Boden lag;
Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen
Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!


82.

Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;
Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.
Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,
In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache.
Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,
Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.
Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott,
Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;
Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.
Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu;
Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.
Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten
Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.
Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen
Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,
Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun;
Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;
Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun,
Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun:
So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,
Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.
Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,
Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.
So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun,
Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.
Er aber achtete der leichten Feinde nicht;
Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.
Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,
Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.


83.

Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,
So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:
O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht
Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?
Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?
Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?
Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht
Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.
Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,
Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.
Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein
Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!
Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,
Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.
Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send
Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!
Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf
Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!
Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,
Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,
Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,
Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.
Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,
Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.
Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,
Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.
Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln
Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!
So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:
Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?
Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann
Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.