Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,
Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt?
Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,
Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.
In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün,
Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn.
Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,
Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.
Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;
Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:
Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.
Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;
Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß.
Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,
Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.
Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt
Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.
Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen;
Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.
An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie
Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie.
Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor,
Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.
Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen,
Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!
Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,
So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;
Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,
Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.
Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind
Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind!
So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte,
Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte;
Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund,
Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:


78.

Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan?
Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?
Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?
Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige?
Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut?
Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!
Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten;
Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.
Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat,
Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat.
Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,
Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.
Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir,
Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?
Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne?
Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.
Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;
Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war.
Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan
Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.
Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen;
Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.
Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir!
Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir.
Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht!
Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht.
Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte
Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte.
Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen
Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.
Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,
Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.


79.

Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:
Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort?
Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;
Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?
Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.
Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:
Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter?
Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn
Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin;
Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.
Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:
Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast?
Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann
Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.
Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,
Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig.
Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,
Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!
Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,
Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist?
Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.
Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei,
Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei!
Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen
Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.
Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,
Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da.
O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei!
Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei!


80.

Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld
Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld.
Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten;
Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.
Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,
Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache.
Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch
Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.
Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein
Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein;
Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen,
Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.
Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband;
Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand.
Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter;
Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.
Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,
Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten.
Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten,
Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.
So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur
Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur?
Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen
Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.