74.
Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,
Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,
Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,
Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.
Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!
Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.
Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen
Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.
Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,
Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:
Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,
Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.
Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag
Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!
Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,
Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.
Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,
So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!
Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,
Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.
Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.
Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?
Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;
Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.
Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt
Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.
Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;
Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.
Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf
Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!
Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!
Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.
75.
Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte
Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!
Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;
Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.
Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,
Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.
Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,
Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.
Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,
Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.
Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt
Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.
In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner
Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?
Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,
Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.
Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen
Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.
Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand
Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?
Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt
Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.
Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor
Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?
Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,
Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.
So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält
Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.
76.
Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand
Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?
Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,
Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend.
Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken
Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken.
Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,
Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen.
Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus?
Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.
Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht
Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.
Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,
Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.
Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,
Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;
Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,
Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.
Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,
Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.
Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter:
Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?
Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar
Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar;
Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,
Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.
So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach
Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:
Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,
Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind;
Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen;
Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen.
Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält;
Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.
Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen?
Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.