71.

Send aber sendete den Blick umher des Luchses,
Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.
Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien,
Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.
Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig
Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig.
Niemals erinnert' er sich einen solcher Art
Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;
Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag,
Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.
Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand;
Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand.
Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du
Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?
Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!
Gib Antwort! – Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.
Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand,
Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand.
Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,
Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;
Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,
Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.
Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam
Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.
Deswegen vom Gesind entsendete behend
Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.
Der abgesendete lief eilig hin, und fand
Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.
Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet,
Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;
Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.
Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach
Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.
Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen
Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.


72.

Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund
Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;
Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub
Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!
Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!
Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde!
Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht;
Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht.
Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste;
Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste.
Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;
Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,
Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben
Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.
In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;
Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?
Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken;
Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken.
Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab
Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.
Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen;
Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen.
Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:
Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,
Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein,
Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!
Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei,
Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!
Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,
Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!
Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;
Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.
Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,
Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.
Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte,
Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte.
Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten
Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.


73.

Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann,
Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann.
Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher
Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher.
Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er
Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er.
Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er.
Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf,
Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf.
Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held,
Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld?
Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht,
Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht?
Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt;
Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt,
Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid,
Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid!
Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch
Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch.
Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn,
Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn.
Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher;
Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher.
Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen;
Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen.
Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid;
Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid.
Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde
Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde!
So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann
Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an.
Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen;
Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen,
Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug:
Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug.
Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht,
Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.

[Achtes Buch.]