87.
Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab
Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.
Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren,
Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.
Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,
Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;
Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:
Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.
Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze
Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.
Sodann erprobten sich der alte und der junge
Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge.
Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen
Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.
Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;
Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.
Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert.
Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,
Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;
In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder.
Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,
Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;
Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen,
Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:
Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat;
Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:
Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn,
Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:
So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,
Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.
88.
Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind
Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.
Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,
Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.
Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein
Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.
Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm
Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.
Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,
Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.
Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen
Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.
Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;
Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?
Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;
Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!
Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;
Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.
Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!
Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.
Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,
Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!
Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,
Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.
So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt
Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;
Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.
Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt
Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.
Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit
Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.
89.
Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,
Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.
Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,
Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.
Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;
Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.
Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter
Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;
Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,
Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;
Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,
Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,
Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,
Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:
So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten
Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.
Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,
Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.
Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid
Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;
Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,
Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;
Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,
Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.
Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.
Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,
Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,
Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:
So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,
Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.
Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild
Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.
Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe
Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,
Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.