Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,
Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.
Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,
War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.
Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,
Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.
Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,
In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.
Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;
Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.
Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht
Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.
Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren
Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,
Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;
Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.
Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück
Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.
Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:
Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!
Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;
Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?
Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,
Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.
Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,
Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.
Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,
Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;
Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.
Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,
War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.
Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?
Was müßen wir allein uns mit einander raufen!
So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,
Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.


91.

Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde
Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.
Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger
Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.
Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,
Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.
Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,
Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham
Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,
Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?
Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;
Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!
Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,
Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.
Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,
Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.
Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze
Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?
Was haben, tobender, die Leute dir getan,
Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?
Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,
Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?
Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?
Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?
Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,
So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!
Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;
Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.
Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht
Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,
Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!
Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!
Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,
Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;
Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen!


92.

Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;
Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft:
Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.
Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus,
Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:
Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen
Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?
Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant
Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?
Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,
Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?
Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille,
Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.
Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit,
In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.
Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,
Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er.
Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,
Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.
Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,
Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.
Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er,
Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.
Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer
Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!
Ich hab Iranier indessen viel getötet,
Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet.
Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht!
Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.
Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,
Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht.
Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen!
Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen
Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen!


93.

Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,
Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag.
Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte,
Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte.
Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich
Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?
Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet
Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet!
Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;
Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!
Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab
Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:
Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,
Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben.
Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht
Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.
Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,
Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke;
Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:
Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß.
Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,
Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.
Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch
Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!
Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband,
Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!
Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,
Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.
Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,
So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.
Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;
Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.
Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,
Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.
Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!
Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;
O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!