94.

So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;
Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.
Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,
Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.
Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,
Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!
Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;
Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.
Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild
Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.
Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,
Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.
Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,
Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.
Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,
Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!
Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,
Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;
So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:
So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,
Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.
Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:
Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!
Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.
Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;
Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!
Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.
So manches Abenteur im Heldenungestüm
Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.
So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,
So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.
Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,
Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.
In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben
Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;
Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.
Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,
Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!
So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht
Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.

[Zehntes Buch.]

95.

Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder
Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;
Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,
Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.
Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,
Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.
Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,
Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.
Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,
Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.
Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,
Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;
Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,
Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.
Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,
Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;
Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,
Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!
Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,
Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.
O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!
Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!
Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?
Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!
Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;
Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.
Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur
Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!
Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;
Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!
Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,
Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.
Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,
Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:
Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!


96.

Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,
Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:
Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen
Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!
Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,
Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.
Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen
Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!
Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?
Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?
Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:
Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!
Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;
Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!
Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;
Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.
Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant
Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.
Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum
Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!
Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!
Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!
So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.
So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;
Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.
Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,
Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;
Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.